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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 3 (1914) · p. Seite 70

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
3 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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— 70 — fälligen Manieren aufforderte, in seinem Regiment Dienste zu nehmen. Kraus willigte ein. Er machte alle Feldzüge des Regimentes mit und wurde einmal am Schienbein verwundet. 1810*) kam er mit seinem Regiment nach Brandeis a. d. Elbe. Er wurde dort beim Gottesdienst im Tempel von der Gemeinde ausgezeichnet und von den jüdischen Familien zu Tisch geladen. Auf einem Ritt nach Melnik, wo er das Feldspital zu inspizieren hatte, lernte er seine künftige Frau, Johanna Heller, kennen, mit der er sich auch kurze Zeit darauf vermählte. Zwölf Tage nach der Hochzeit zog das Regiment wieder ins Feld. Bis Leipzig nahm Kraus seine junge Frau mit. Dort liess er sie bei einer Offizierswitwe zurück, der er einst die letzten Grüsse ihres in der Schlacht gefallenen Gatten überbracht hatte. Nach dem Friedensschluss von Tilsit nahm Kraus seinen Abschied und kehrte nach B r a n d e i s zurück. 1830 erbaute er sich ein Haus, das er aber, den damaligen Gesetzen gemäss, als Jude nicht auf seinen Namen eintragen lassen durfte. Er bediente sich eines Strohmannes. Doch ein Glaubensgenosse denunzierte ihn bei der Behörde.2) Kraus starb im Jahre 1873 und wurde neben seiner 1859 verstorbenen Gattin auf dem jüdischen Friedhof inBrandeis beerdigt. Unter seinen Kriegserlebnissen schilderte Kraus mit Vorliebe die Szene, wie er bei der Besichtigung einer Feldspitals-Zeltabteilung durch den Zaren Alexander I. von diesem mit einer Belobigung ausgezeichnet wurde. Der Zar liess sich Kraus als den die Aufsicht führenden Beamten des Spitals vorstellen, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Alles ist in schönster Ordnung, ich bin sehr zufrieden." Kraus blieb bis zu seinem Lebensende ein begeisterter Verehrer Napoleons. Nach Aufzeichnungen und Erinnerungen seines Enkels Herrn Gustav Janowitz in Podiebrad, hat Kraus im Verein mit seinem Nachbarn die ersten Elbebäderkabinen in Brandeis errichtet und dem Erzherzog Josef, dem nachmaligen Palatin von Ungarn, der damals als Kadett beim dortigen Dragonerregiment stand, oft von seinen Kriegserlebnissen erzählen müssen. Die Lebensschicksale des Josef Kraus.3) Es sind bereits lange Jahre verstrichen, als das Verlangen in mir und meinem Neffen rege wurde, eine Biographie meines (Vaters?) niederzuschreiben, eines Mannes, an dem nicht nur seine Kinder und Enkel in ungemeiner Verehrung und Liebe hingen, sondern der von allen, die ihn kannten, durch seine Humanität, hervorragenden Geist und seltenen, tadellosen, ehrenhaften Charakter be- *) Nach der Regimentsgeschichte (siehe unten) 1809. 2) Auf eine ähnlichelntrigue wird der Glaubenswechsel des Vaters des ehemaligen Olmützer Fürstbischofs Dr. Kohn zurückgeführt. 3) Die Orthographie des Originals ist beibehalten.

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