Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2638044-2638104-2638106--1543-2641252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 49 — III. Ausser mit dieser Broschüre, die das Programm der Judenreform enthält, war Mendel Lewin in dieser Zeit auch mit anderen literarischen Arbeiten beschäftigt. In seiner literarischen Tätigkeit ist er eigentlich kein schöpferischer Schriftsteller, sondern mehr ein Uebersetzer und Popularisator wissenschaftlicher Werke Darin sah er die wichtigste Aufgabe der Haskala, die auf diese Weise in den jüdischen Volksmassen den Drang nach allgemeiner Bildung wachrufen sollte. In diesem Sinne bewegt sich auch Lewins literarisch aufklärerische Tätigkeit. In seinen „Iggerot hachochmah" (erschienen 1789 in Berlin) unterrichtete er in leichtem Stile die hebräischen Leser über die einzelnen Zweige der Naturwissenschaft. Sodann vollende er die Uebersetzung eines medizinischen . Werkes des Schweizers Tissot, die er im Jahre 1780 begonnen hatte, um dem Volke die elementarsten Kenntnisse der Heilkunde und Hygiene beizubringen. Dieses Werk, das im Jahre 1794 in Zolkiew erschien, ist von den bedeutendsten Rabbinern und Gelehrten dieser Zeit, wie Sender Margulies aus Brody, Zewi Hirsch Manes aus Lemberg, Zewi Meiseis, Zokliew und anderen empfohlen worden und ist tatsächlich mit der Zeit zu einem wahren Volksbuche geworden. Die Gemeinden kauften es und übergaben Exemplare den Ortsrabbinern und jüdischen Spitälern.1) In seinem „Cheschbon hanefaschoth", das eine Bearbeitung des Franklinschen Werkes ist, gab er eine Anleitung zu einer ethischen Lebensführung. Dieses Buch wirkte so stark auf die jüdische Jugend, dass Vereine entstanden, deren Mitglieder nach diesen Lehren ihr Leben einrichteten.2) Sodann übersetzte er auf Zureden seines Freundes und Schülers Mordechai Suchostawer den „More Nebuchim" in ein leichtes mischnaartiges Hebräisch.3) Um das Jahr 1800 ging er nach der reichen Handelsstadt Brody, wo er längere Zeit verblieb.4) In Brody scharte sich um ihn eine ganze Reihe eifriger Jünger, die mit Enthusiasmus bei ihm die Haskalaideen aufnahmen. War ja!) Auf Mendelssohns Veranlassung. Gottlober im Hammaggid 1870 Nr. 39 zitiert daselbst einen Brief Mendelssohns, in dem es unter anderem heißt: „Wo kein approbierter Arzt zu erreichen ist, wird dieses Buch unseren Brüdern gute Dienste leisten". (Berlin, d. 12. Adar 5545 1785.) 2) Hammaggid Nr. 40 S. 364. 3) Daselbst Hammaggid Nr. 40 S. 364. *) Mordechai Suchostawer aus Brody vereinigte in sich mit einer großen Talmudkenntnis auch europäisches Wissen. Er schrieb zu der von Lewin besorgten Uebersetzung des „Moreh Nebuchim" eine wertvolle philosophische Einleitung (erschien 1829), die er scherzweise „meine sämtlichen Werke" nannte. Er war längere Zeit Lehrer an der Zitomirer Rabbinerschule, starb im Jahre 1870 (Abraham Papirno in seinen Erinnerungen (Sichronoth) im Sefer ha-Schana Bd. I, Seite 61).