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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 2 (1914) · p. Seite 48

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
2 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 48 (sequence 16)
Language
German
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— 48 — zuschaffen, durch die sie als minderwertige Volksklasse charakterisiert sind. Was die innere Organisation der Judenheit anbetrifft, so soll der Staat den herrschenden Fanatismus, Aberglauben und den Gebrauch von Talismanen, er nennt ihn „charletanerie de Thalismans",1) und Wunderkuren (eures merveilleuses) nicht dulden. Um aber dir ganze Organisation zu regeln, sei es ratsam, die Institution der Landesrabbiner einzuführen und auf diese Weise dem Rabbinatwesen eine straffe administrativ einheitliche Form zu verleihen. Dem Landesrabbiner sollen alle Rabbiner der betreffenden Provinzen untergeordnet sein. In ihre Kompetenz gehört auch die Verbesserung der Gerichtsbarkeit, die Appellation gegen Schiedssprüche der Rabbinatsgerichte und die Bestimmung der Rabbinergehälter. Der Landesrabbiner ist auch verpflichtet, der Erziehungskommission Projekte zur Vervollkommnung der Judenreform vorzulegen. So soll beispielsweise die genannte Kommission schon jetzt einen Preis für ein Werk bestimmen, das die beste Analyse der Kabbala darstellt. Das Landesrabbinat hat auch dafür zu sorgen, dass die arbeitsunwilligen Bettler zur Arbeit gezwungen werden. Sie sollen selbst unter Anwendung des Bannes in Arbeitshäusern untergebracht werden. In diesem Rahmen bewegt sich Satanowers Reformprojekt. Bei näherer Betrachtung desselben sehen wir, dass er den Kern der Judenreform ganz anders erfasst, als die oben genannten polnischen Publizisten und der Rabbiner Herszlowicz. Während jene die Judenreform innig mit dem Bestreben verknüpften, die Juden zu guten Staatsbürgern zu machen, ist Satanowers Ideal, die Juden innerlich zu reformieren. Erst an zweiter Stelle tritt in seinen Ausführungen der politische Utilitaritätsgedanke hervor. Für ihn ist die Judenreform eine Kulturfrage, deren erste Aufgabe es ist, in den Juden die Erkenntnis der Notwendigkeit zu wecken, sich der allgemeinen Bildung zu nähern. Der Europäisierungsprozess der polnischen Juden ist für ihn die Grundlage ihrer ferneren Entwicklung. Denn sie haben durch ihre Hingabe an mystische Strömungen, wie Kabbala und Chassidismus, den Entwicklungsgang des Judentums verlassen, welches sich nur in rationalistischen Bahnen bewegen darf. Durch die allgemeine Bildung sollen sie wieder zum Rationalismus zurückkehren. Alle praktischen Vorschläge, die er in seiner Broschüre macht, gehen auf seinen Grundgedanken zurück. Alle jene Fragen aber, die die sozialpolitische Reform seines Volkes berühren, sind für ihn untergeordneter Natur und beschäftigen ihn überhaupt nicht. Dass er die Judenreform als eine ausgesprochen kulturelle Frage betrachtete, ersieht man daraus, dass er deren Realisierung der Erziehungskommission zuschreibt. Man kann geradezu sagen, dass er die ganze Broschüre an sie adressiert hat. *) S. 33 der zitierten Broschüre.

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