Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 47 — lungsgang des Judentums im Sinne des Maimonides auf rein rationalistischer Grundlage fortführen und die Juden zu „hommes eclaires et honnets" machen will, ist in der polnischen Judenheit von diesen hohen Bestrebungen keine Spur zu bemerken. Im Gegenteil! In der polnischen Judenheit entwickelt sich gerade jetzt eine starke arationalistische, geradezu ausgeprägt mystische Bewegung — gemeint ist damit der Chassidismus —, der die Judenheit von der allgemeinen Bildung ablenkte, die in Deutschland in so hohem Masse von Mendelssohn durch Bücher und Zeitschriften gefördert wurde. Es ist notwendig, die Geistesrichtung der deutschen Judenheit zum Muster der Judenreform in Polen zu machen. Der Hauptpfeiler der Judenreform sei die Erziehungsfrage. Das rationellste Mittel zur Abänderung der jetzt vorherrschenden Erziehungsform sei die sofortige Gründung einer jüdischen Normalschule mit polnischer Unterrichtssprache in Warschau und anderen Städten, in denen sich die Juden der Duldung erfreuen. Die Zöglinge dieser Schulen werden die Leiter der neuen Kulturbewegung werden. Der Staat müsse die Rabbiner zwingen, sie zu ihren Sekretären zu nehmen, um auf diese Weise ihren Einfluss auf das Volk zu vergrössern. Den Hauptpunkt des Schulprogramms soll nach ihm die Lektüre der heiligen Schrift bilden, weil die Juden die feinfühlige Poesie derselben infolge der talmudischen Pilpulistik nicht mehr empfinden. Ebenso müssen sie grössere Auszüge aus der Bibel in guter polnischer Uebersetzung lesen, um auf diese Weise sich grössere Kenntnisse dieser Sprache anzueignen. Es ist auch notwendig, den Rabbinern, die so lange geschlossenen Augen für die Sophismens der fanatischen Sekte zu öffnen, die fest an die „nouveaux Operateurs des miracles" glauben. Man müsse diese aufs schärfste angreifen, denn sobald diese Sekte das Uebergewicht gewinnt, ist keine Hoffnung mehr, das Volk aufzuklären. Man möge diesen Kampf mit den Waffen der Ironie führen, Lebensweise, Lehren und Sitten der Chassidim komisch darstellen. Durch solche Kritik könnte man diese dem Judentum gefährliche Sekte überwinden, den kritischen Sinn der Jugend fördern und den Juden ein vernünftiges polnisches Schrifttum schaffen. Der Staat soll sich bestreben, ihr Vertrauen zu gewinnen, indem er ihnen die Freiheit gewährt, sie an Gehorsam zu gewöhnen und ihnen mehr Anhänglichkeit zum Vaterlande einzuflössen. Denn es wird ein nicht zu ersetzender Schaden sein, wenn dieses wichtige Ziel bei der Neuordnung der jüdischen Verhältnisse ausser acht gelassen wird. Im allgemeinen aber müsse man sich bei der Reform solcher Mittel bedienen, die das Volk zum Gehorsam gegen das Gesetz erziehen und sie davon überzeugen, dass sie zu ihrem Heile bestimmt sind. Der Staat müsse auch ihnen pflichtgemässe Wohltat erweisen und ihnen gestatten, Synagogen und Friedhöfe anzulegen. Ebenso ist es eine Notwendigkeit, alle jene Abgaben der Juden ab-