Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 45 — Bewegung wurden die Polen veranlasst, sich näher mit den Juden zu beschäftigen. Als man aber in der politischen Literatur an die Frage herantrat, wie man den schon morschen polnischen Staat reformieren und alle Staatseinwohner zu nützlichen Bürgern erziehen konnte, musste man nolens volens auch die Lage der Juden berücksichtigen.1) Denn der Nützlichkeitsgedanke ist die Achse, um die sich die ganze Judenreform in Polen dreht. Von diesem Gesichtspunkte aus wird die Judenfrage von den hervorragendsten Vertretern der damaligen Publizistik behandelt. Der anonyme Verfasser der im Jahre 1785 in Warschau erschienenen Broschüre: Zydzi czyli konieczna potrzeba reformowania Zydow (Die Juden oder die Notwendigkeit der Reform der Juden). Mateusz Butrymowicz, Kollataj, Michal Czacki, sie alle behandeln die Judenfrage als einen Teil der polnischen Staatsreformen und verlangen die Polonisierung der jüdischen Massen, um sie auf diesem Wege zu guten Söhnen Polens zu erziehen. Und als im Jahre 1788 der Reichstag eröffnet wurde und die Reformpartei das Prinzip der Verwirklichung der notwendigsten Staatsreformen aufgestellt hatte, wurde auch u. a. die Wichtigkeit der Judenreform anerkannt. Dieser Reichstag, wegen seiner 4jährigen Legislaturperiode auch der vierjährige Reichstag genannt, hatte auch tatsächlich die Durchführung der Reformen akzeptiert und die Beratung der Judenfrage einer besonderen Kommission übergeben.2) Nach langen Konflikten der Adels- und städtischen Partei, die freilich die Juden zur Teilnahme am Staatsleben nicht zulassen wollte, wurde ein einheitliches Projekt ausgearbeitet. Schon sollte es dem Reichstage vorgelegt werden, als dieser infolge der eingetretenen politischen Veränderungen aufgelöst wurde. So blieb die ganze Judenreform bloss eine politische Illusion. Interessant ist es zu wissen, welche Stellung die Judenschaft selbst zu ihrer Emanizipierung einnahm. So veröffentlichte der Chelmer Rabbiner Herschel Josefowicz2) im Jahre 1789 eine Broschüre unter dem Titel „Gedanken über eine geeignete Reform der polnischen-Juden zu nützlichen Staatsbürgern", in der er eine geeignete Reform für die Juden verlangt, die eine Gleichberechtigung im Sinne des Butrymowicz bezwecken sollte. Nur eineu Unterschied können wir verzeichnen, dass er, im Gegensatze zu den polnischen Verfechtern der Judenreform, die Beibehaltung der jüdischen Trachten verlangt, um wenigstens äusserlich den Unterschied zwischen Juden und Christen zu erhalten. 1) Die Judenreform in Polen zu Ende des XVIII. Jahrhunderts behandeln wir in einer besonderen Arbeit, von der nächstens ein grosser Teil in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" erscheint. 2) Die Darstellung dieser Bewegung findet der Leser in unserer oben zitierten Arbeit.