Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 — kommen und sorgte dafür, dass Lewin in Ruhe studieren könne. Lewin unterrichtete auch längere Zeit seinen Sohn und soll sogar für ihn eine philosophische Dissertation über Kants System ausgearbeitet haben.1) II. Um diese Zeit trat Satanower an die Ausarbeitung eines Judenreformprojektes heran. Zum besseren Verständnis wollen wir diese Zeitepoche in der Geschichte der polnischen Judenheit skizzieren. Seit der ersten Teilung Polens (1772) wurden in der polnischen Gesellschaft Stimmen laut, die eine Reform des ganzen Verfassungslebens verlangten. Anfangs ist diese Reformströmung nur in der politischen Literatur zum Ausdrucke gelangt. Sie f orderte vor allem die Gleichberechtigung der Städte, Befreiung der Bauern und die Erledigung der Judenfrage. Der heikelste Punkt war allerdings die Erledigung der Judenfrage. Die Juden bildeten sozusagen einen „Staat im Staate", hatten bis zum Jahre 1764 eine ausgesprochene Autonomie mit dem jüd. Reichstage (Waad arba arozaus) an der Spitze. Diese stark zentralisierte Gemeindeorganisation besorgte alle Agenden eines Staates, indem sie ihren Mitgliedern Steuern auferlegte, Gerichte einsetzte, ihre Mitglieder bestrafen konnte, mit einem Worte alle wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbedürfnisse regelte. Als diese Organisation infolge ihrer inneren Zerrüttung von Staatswegen im Jahre 1764 aufgelöst worden war, blieb die bis jetzt vorherrschende soziale Struktur der Judenschaft bestehen; sie bildeten auch weiterhin eine besondere Gesellschaftsklasse, die sich infolge ihrer eigenartigen Kultur keiner der anderen Gruppen anpassen konnte. Wirtschaftlich aber waren sie vollkommen ruiniert, sei es infolge der Kosakenkriege im XVII. Jahrhundert, deren Folgen in wirtschaftlicher Hinsicht noch im XVIII. Jahrhundert zu spüren waren, sei es weil sie vom Staate durch die fortwährenden Auflagen und die Konkurrenz der Städte verarmt waren. Kulturell war dieses Zeitalter allerdings bedeutsam, da sich damals in der polnischen Judenheit im Gegensatze zu der rationalistischen Geistesbewegung der deutschen Juden eine ausgesprochen mystische entwickelte, die zu starken Konflikten mit den Orthodoxen führen rnusste. Die polnische Gesellschaft ahnte wenig von den inneren Vor" gängen in der Judenheit. Für sie war die Judenheit eine Staats' rechtlich minderwertige Volksgruppe, die mit dem Staate nur dank ihren Steuerlasten in Fühlung stand. Erst durch die frankistische *) In seinen hebräisch geschriebenen Memoiren erzählt Dr. Meier Lettens: „Meine Augen sahen noch Mnachems (Lewin) Manuskript über Kants philosophisches System, das er in französischer Sprache für seinen Schüler Fürst Czartoryski niedergeschrieben hatte." Sikkaron S. 40.