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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 2 (1914) · p. Seite 43

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
2 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 43 (sequence 11)
Language
German
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— 43 — seinem Schülerkreise fiel ihm recht schwer. Wusste er doch, dass er in seiner Heimat fern von jeder Kultur lebte und mit seinen Volksgenossen wegen seiner freieren Ansichten ernste Kämpfe würde ausfechten müssen. Unter dem Einflüsse der Berliner Haskalabewegung wurde in ihm der Entschluss rege, in seiner Heimat die hier verbreiteten Ideen zu popularisieren, seine Brüder aus der Lethargie zu wecken und in ihr inneres Leben mehr Licht eindringen zu lassen. Es war dies ja die Zeit grosser Bewegungen innerhalb des Judentumes. Mendelssohn fasste den Plan, die deutsche Scrache vermittels einer gediegenen Bibelübersetzung den Juden näher zu bringen. Dieses Unternehmen rief in Lewin den Gedanken wach, in ähnlicher Weise die Haskalabewegung in Polen zu verwirklichen. Doch wollte Lewin hier von einem ganz anderen Standpunkte ausgehen. Er plante nicht durch eine deutsche Bibelübersetzung die polnischen Juden der europäischen Kultur näher zu führen, sondern vermittels einer jüdischen (Jargon) Bibelübersetzung in ihnen kritisches Auffassen der heiligen Schrift und somit die Begierde nach Erkenntnis und Bildung zu wecken. Dies waren die eigentlichen Motive seines Entschlusses, die jüdische Bibelübersetzung zum Mittel der Verbreitung der Haskalaideen zu machen, den er vor seiner Abreise in Berlin gefasst, aber erst zwei Jahrzehnte später ausgeführt hat. Lewin wollte eben die Haskala nicht theoretisch durch Veröffentlichung von Werken, die das Wesen dieser Bewegung erklärten, verbreiten, sondern durch leicht geschriebene Werke allgemeines Wissen popularisieren und somit den hebräischen Leserkreis von seiner Notwendigkeit zu überzeugen. Von Berlin begab er sich nach Mikolajew, wo er seine zweite Heimat fand. Hier lebte er in bescheidenen Verhältnissen. Seine Frau führte ein kleines Geschäft, und nach der Sitte vieler jüdischer Männer widmte er sich nur dem Studium. Einer seiner Schüler, Mordechai Suchostawer,1) erzählt aus dieser Zeit folgende Anekdote. Eines Tages besuchte der Besitzer von Mikolajow, der polnische Fürst Adam Czartoryski, in Begleitung seines Freundes Dr. Akelschmidt, das kleine Städtchen. Als er am Geschäft von Lewins Frau vorbeiging, bemerkte er draussen ein Buch liegen. Aus Neugierde öffnete er es. Als er aus dem Titel sah, dass es Wolfs Mathematik war, fragte er verwundert die Frau, wie denn dieses Buch hierher käme. Sie antwortete, dass ihr Mann daraus Tag und Nacht studierte. Als hierauf Lewin selbst ins Geschäft kam, zog ihn Fürst Czartoryszky in ein längeres Gespräch und merkte, dass er einen philosophisch und mathematisch gründlich gebildeten Juden vor sich hatte, der sogar ein Schüler und per sönlicher Freund des grossen Philosophen Mendelssohn war. Er bat ihn, seinen Sohn zu erziehen. Von nun an nahm sich Fürst Czartoryski immer seiner an. Er verschaffte ihm ein reichliches Aus" *) Diese Anekdote teilte er dem bekannten Maskil Abraham Gottlober mit, der sie samt einer kurzen Lebensskizze über Mendl Lewin in seinen Korrespondenzen aus Zitomir veröffentlichte, Hammaggid, Jg. 1873, Nr. 38, 39, 40.

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