Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 37 — Die unmenschliche Unterdrückung, unter welcher die Juden in Persien immer zu leiden hatten, sowie die politischen Wirren, die anarchischen Zustände, die seit langem in Persien herrschen, verursachten eine geistige und materielle Degenerierung der jüdischen Bevölkerung. Ihre Lage ist unbeschreiblich. Bar jeder Kultur, mangelt es ihnen an Kenntnis jedes Handwerks. Man findet fast überhaupt keine Handwerker unter ihnen. Denn nach schiitischen Vorschriften ist der Jude und alles, was er produziert, unrein, folglich darf der Muselmann vom Juden nicht berührt werden, geschweige gar sich etwas von ihm anfertigen lassen. Dieses Gesetz war das sicherste Mittel, die Juden von allen Erwerbszweigen auszuschalten. Es ist ihnen nur noch erlaubt, mit alten Kleidern zu handeln, Geldgeschäfte zu treiben und Totengräber sowie Koträumer zu sein. Sie kommen nach Jerusalem im trostlosesten Zustande. In Lumpen gehüllt lagern sie im Freien. Hunderte dieser Armen findet man in Jerusalem. Obdachlos überfluten sie die ohnehin mit Armen und Siechen überfüllte Stadt. Ihr geistiges Niveau ist sehr gesunken, kaum dass sie genügend im Hebräischen unterrichtet sind. Früher war es um sie ganz anders bestellt. Die persischen Juden haben eine reiche jüdische Literatur in persischer Sprache geschaffen. Bedeutendes leisteten sie besonders in der Poesie, vor allem der grosse Dichter Maula Schahin in Schiras, der im 14 Jahrhundert blühte.1) Er dichtete ein Epos aus der ganzen Bibel einschliesslich der im Volke um die Bibel entstandenen Legenden, Midraschim und Agadot, nach dem Vorbilde des grossen persischen Dichters Firdussi, des Verfassers der berühmten „Schahnahme". Auch sonst haben die Juden Persiens eine Reihe von Dichtern und Gelehrten hervorgebracht. Unter den persischen Juden lassen sich zwei Typen unterscheiden, ein südpersischer und ein nordpersischer. Der südpersische Typus ist klein von schwerz-gelblicher Hautfarbe, schwarzem struppigem Haare, spärlichem Bartwuchs, kohlschwarzen lebhaften Augen, weissen, kräftigen Zähnen, etwas gebückter Haltung und fleischiger Stumpfnase. Sie ähneln den Semiten nicht nur in ihrem Aeusseren, sondern auch in ihrer geistigen Veranlagung unti in vielen traditionellen Dingen, so in ihrer Aussprache des Hebräischen2) und im traditionellen Synagogengesang.3) *) Seine Gedichte lassen jetzt die Bucharaer Juden in Jerusalem drucken. 2) Vgl. meinen Aufsatz: „Die gegenwärtige Aussprache des Hebräischen etc. in der Monatsschrift für die Wiss. des Judentums, Jg. 57, Heft 9—12. 3) S. hierüber meine Arbeit „Phonographierte hebräische Gesänge der jemenitischen und persischen etc. Juden" in den „Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften 1914".