Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 2 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 36 — — „el-qudes". Für die Marannen aber ist dieser Abstecher das Endziel. Sie kommen nach Jerusalem, um an der heiligen Stätte, ihrer religiösen und nationalen Sehnsucht und Hoffnung Rechnung tragend, ihr bedrücktes Herz vor ihrem Gotte auszuschütten und wenigstens einige Zeit offen und frei als Juden leben zu können. Viele von ihnen kehren überhaupt nicht mehr in die grausame Heimat zurück, sondern erwerben sich ein Besitztum in Jerusalem und lassen sich daselbst nieder, wo sie ihre Zeit dem Studium der Thora widmen. Auf diese Weise ist bereits eine ansehnliche Kolonie im Anschluss an das Bacharaer Viertel in Jerusalem entstanden, die iraner1) Kolonie genannt. Die Zurückkehrenden aber bleiben die ganze Zeit, die ihre vorgegebene mohammedanische Pilgerschaft in Anspruch nehmen müsste, in Jerusalem. Da sie ein Zeugnis für ihren Aufenthalt in Mekka von dem dortigen Oberpriester in die Heimat an ihren Oberpriester mitbringen müssen, so senden sie auf ihre Kosten jemanden hin, der die religiöse Zeremonien an den heiligen Stätten genau kennt, und dieser besorgt ihnen die nötigen Zeugnisse, auf ihren Namen ausgestellt. Es leben einige Leute in Jerusalem, die sich durch solche Botschaften ernähren. So mancher der persischen Juden unterstützt und erhält in Jerusalem Wohltätigkeitsanstalten für die in Armut und Not sich befindenden persischen Juden. So liest man die an den Gedenktafeln angebrachten Namen der Stifter der persischen Synagogen, Talmud- Toras u. a. Die Sehnsucht der persischen Juden nach Jerusalem ist sehr gross. Ein unaufhörlicher Strom pilgert jahraus jahrein nach Palästina. Als Illustration dafür diene die folgende Erzählung. Ein Chacham aus Teheran, Maula Elieser Chajim Misrachi, fasste den Entschluss, nach Jerusalem auszuwandern. Da aber seine Familie und seine Frau dagegen waren, entfloh er nachts mit einer Karawane, welche von Teheran nach der Hafenstadt Bender-Abuschir am persischen Golf aufbrach. Alsbald wurde er vermisst, verfolgt und zur Rückkehr gezwungen. Da erklärte er seiner Frau, dass er sich von ihr scheiden lassen werde, wenn sie nicht in sein Vorhaben einwillige. Dieses Mittel half, und nun nahm er seine Habe und reiste nach Jerusalem. Dieser Chacham galt in der persischen Gemeinde Jerusalems als der grösste Gelehrte. Zugleich war er ein beliebter Cantor und Dichter und veröffentlichte eine kleine Sammlung hebräischer und persischer Lieder. Seine beiden Söhne liess er in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden ausbilden. Beide wurden zu Lehrern für die deutsche Sprache ausgebildet. Der ältere übt noch jetzt an den Hilfsvereinsschulen diesen Beruf aus, der jüngere begeisterte sich für die deutsche Literatur und das Studium der Germanistik, er ging nach Berlin, wo ihn ein früher Tod ereilte. Persien wird Iran genannt.