Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 1 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 6 — setzesentscheidungen frei bleiben. Er wollte nur die Thora die „U nwissenden" lehren, er Hess aber öffentlich bekannt geben, dass er von der Thora selbst nicht viel verstehe. Die zweite markante Persönlichkeit ist der geniale Sänger und Vorbeter Rabbi Lewi Hamdi in Jerusalem. Seine Kunst übte er umsonst aus, seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Thoraschreiben und Amuletteverfertigen. Durch seine süsse, angenehme Tenorstimme und seinen hinreissenden Vortrag pflegte er bezaubernd auf seine Zuhörer zu wirken. Bei allen Hochzeiten, Beschneidungs¬ und Barmizwa-Festlichkeiten, wo religiös-kabbalistischer Qesang Vorschrift ist, bildete die Anwesenheit des Rabbi Lewi den Glanzpunkt. Es genügte, seine Stimme zu hören, und alles, gerufene und ungerufene Gäste, strömte herbei, den göttlichen Sänger zu hören. Wie bei solchen Veranlassungen üblich, wurden Erfrischungen, wie Getränke und Obst, verabreicht. Um aber den grossen Sänger heranzuziehen, pflegte man ihm besonders gute Aufwartungen zu bieten. Es ging so weit, dass man ihm eine Portion für seine Familie nach Hause zu senden pflegte, um ihn so zu gewinnen. Plötzlich begannen seine Kinder nacheinander zu sterben. Als ihm sein letztes Kind, ein reizendes Mädchen, starb, erschien auch ihm ein Engel im Traume und bedeutete ihm, dass er unrein und unwürdig sei, den heiligen Boden Jerusalems zu betreten, und dass er möglichst bald Palästina verlassen solle. Sofort sprang er auf, nahm bloss seinen Ueberrock, weckte seine Frau und erklärte ihr, dass sie den heiligen Boden verlassen müssten, sonst würden sie sterben. Er verbot ihr, die Sachen mitzunehmen, nichts von dem? was er in Jerusalem im Laufe seines zwanzigjährigen Aufenthaltes daselbst sich erworben hatte, nahm er mit, denn das waren heilige Gegenstände. So flüchtete er sich nach Aegypten, wo er längere Zeit blieb. Endlich aber ergriff ihn die Sehnsucht nach Jerusalem, und nachdem er wiederholt gefastet und gebetet hatte, kam ihm derselbe Engel im Traume und erklärte ihm, dass er zurückkehren dürfe, aber nur unter der Bedingung, dass er nie im Leben mehr singen oder als Vorbeter fungieren sollte. Dies nahm er auf sich. Er kehrte zurück und Hess sich ausserhalb der Stadt in der Einsamkeit nieder, wo er sich wieder vom Thoraschreiben ernährte. Damit er aber nicht in Versuchung komme, von seiner Kunst wieder Gebrauch zu machen, sonderte er sich von seinen jemenitischen Brüdern vollständig ab und betete in einer persischen Synagoge, fremd und ungekannt. Seitdem — es sind jetzt schon drei Jahre her — ist die Pflege des Gesanges bei den Jemeniten sehr zurückgegangen, was durch den folgenden Umstand verursacht wurde. Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich mit der Erforschung des orientalisch-jüdischen Gesanges. Um diese Gesänge näher zu untersuchen, machte ich phonographische Auf-