Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 1 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 5 - Ein zweites von ihnen bevorzugtes Handwerk ist die Steinhauerei und Maurerei. Die „Chachamim", die Gelehrten, wie Rabbiner, Lehrer und Vorbeter, ernähren sich als „Schreiber". Sie schreiben die Thora, Mezuzot und sonstige heilige Schriften und Bücher, denn als Beamte bekommen sie kein Gehalt, sie fungieren durchwegs im Ehrenamte. Ihre Lebensweise ist noch sehr primitiv. Von Hygiene haben sie natürlich keine Ahnung. Ein Krebsschaden bei ihnen ist die frühe Heirat. Die Burschen heiraten mit 15, die Mädchen mit 11 Jahren. Dabei sind sie körperlich viel weniger entwickelt als europäische Kinder desselben Alters. Dies hat unreife Geburten zur Folge. Daher rührt die ungeheure Sterblichkeit der Kinder, welche bei ihnen geradezu epidemisch ist. Sie aber leiten das Unheil von Sünden her. Zur Illustration ihres Aberglaubens und damit ihres geistigen Lebens dienen folgende Episoden. Dem Oberrabbiner der jemenitischen Gemeinde in Jerusalem J^abbi Schalom AlschechO starben seine Kinder nacheinander. Er nahm sich's sehr zu Herzen und verrichtete mannichfache kabbalistische Kasteiungen; aber es blieb ohne Wirkung. Als ihm auch das letzte Kind starb, erschien ihm ein Engel im Traum und machte ihm verständlich, dass seine Funktionen als Oberrabbiner schuld an der Sterblichkeit seiner Kinder seien. Sofort nach dem Erwachen fing er an, über seine Amtstätigkeit nachzudenken, und da fiel ihm ein, dass er einige Male, mit Rücksicht auf die traurige Lage seiner Gemeinde, in mancher rituellen Frage sich erlaubt hatte, einen leichteren Masstab anzulegen. Es wurde ihm nun klar, dass er die Sünden der Gemeinde, wie einst der Hohepriester, trage, und er beschloss, sein Amt niederzulegen. Umsonst waren die Bitten der Gemeinde, er blieb bei seinem Entschlüsse. Er ging hin und vermietete sich als Diener in einem Krankenhause. Auf diesem Posten verblieb er einige Jahre, bis seine Frau ihm einen Knaben gebar. Er tat ein Gelübde, das Kind bei seiner Bar-mizwa nach „Meron" zum heiligen Grabe des Rabbi Simon bar Jochaj zu führen. Seine Gemeinde aber war ganz untröstlich, und endlich, nach vielem Bitten und Flehen, sagte er zu, das Oberrabbinat wieder anzunehmen mit der ausdrücklichen Bedingung, die Gemeinde müsse ein Bet-din einsetzen, welches über Ritualien entscheiden sollte, er aber wollte von jeder Verantwortung in bezug auf religiöse Ge- ') Die Familie Alschech ist die vornehmste jüdische Familie bei den Jemeniten. Sie soll noch einen Stammbaum besitzen, in dem ihre Herkunft direkt aus Jerusalem von der Zerstörung des 1. Tempels nachgewiesen wird. Dieser Stammbaum befindet sich in der Familiensynagoge in Sanaa. Nach ihrer Tradition sollen alle Familien in Sanaa solche alte Stammzeugnisse besessen haben, die aber durch einen Streit vernichtet worden seien. Vgl. mein Werk „Hebräisch-Orient. Melodienschatz" I. Einleitung.