Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1913-01-01 · Heft 4 · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
16 (1913)
Issue
Heft 4
Date
1913-01-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2638044-2638099-2638103--1466-2641174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 11 — Interessant ist auch das „Lied vyn Komet-Stern", in welchem die „Philosophen" ironisiert werden, da ihre Prophezeiung, dass ein Komet eintreffen werde (es war dies um das Jahr 1858), nicht in Erfüllung ging. „Ihr megt euch scheimen, Philosophen, As es lachyn ois aich Kinder yn die Wiegen Ihr hot keinym nit gytrofen, Ihr hot gesugt seier groisse Lygens." * * * In eine melancholische Stimmung versetzt uns wieder das schwermütige „Lied fyn ein Gistorbynym", in dem Berl auf seine Art das Geschick der Menschen betrachtet. Das ganze Leben des Menschen ist nur ein Kampf ums Dasein, unter dem auch sein ethisches „Ich" Einbusse erleidet. Im Leben ist sein einziges Streben Macht zu erlangen, Vermögen zu sammeln, da kommt der Tod und entreisst ihn dem Leben. Im Grabe aber herrscht statt des Kampfes nur Friede, alle Verstorbenen leben hier einträchtig miteinander, und vergessen bleiben alle Streitigkeiten. Ein ähnliches Thema hat schon Berl im „Gräber" behandelt, doch war dort das Hauptmotiv: „So lange ihr lebt, lasst keine Stunde leer!" Zu einem anderen Schlüsse gelangt hier Berl. „Bryder, die Welt ys nor wie a Chulem1) Der Mensch ys nor zym Sterben gyboiren." Ein schwermütiges Gefühl befällt da Berl, als schiene es ihm, dass in der Welt alles nichtig sei; denn nur ein Traum ist das Leben, der Tod aber der mächtige Bezwinger des Alltagslebens. Das ist die Lebensphilosophie des alternden Berl. Bei sein Leben hat er gezoigen dus Schwert, Es is far ihm weinig gywein die halbe Welt, Zynd lost er sich bagnigen mit dem Stikel Erd Yn mit dem kleinen Gezelt. Heint is er mit jeden Schülern2) Sein Stolzheit hot er schoin verloiren, Bryder, die Welt is nor wie a Chulem, _Der Mensch is zym Starben geboiren3). Hebr.: Traum. 2) Hebr.: Friede. 3) Wie erwähnt, sind nur 26 Lieder erschienen. Zu berücksichtigen wären noch zwei Lieder, die wegen ihrer ausgesprochenen Eigenart für uns weniger in Betracht kommen. Das eine ist die „Sreife yn Brod", eine Schilderung des grossen Brodyer Brandes vom Jahre 1834 oder 1859 in Versen. In vielen Hinsichten erkennt man da den Einfluss des Gedichtes von Mordechai ben Dawid Strelisker: „Hasrefa" (hebräisch), Zolkiew 1835. Das zweite Lied behandelt die Ermordung des christlichen Bankiers in Brody und österreichischen Reichstagsabgeordneten Karl Hausner, der im Jahre 1858 von einem Christen erdolcht wurde, bei welcher Gelegenheit ein Jude unschuldig vom fliehenden Mörder erschossen ward. Ausser diesen Liedern ist noch eines;, das nicht veröffentlicht wurde, zu erwähnen, „Der Schiker", das in glänzender Weise einen Säufer mit-all seiner derben Ausdrucksweise karikiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.