Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 16 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— Q — Yn die Papuges klapyn Yn die Menschen tyn sich ofchapen. Ein viel besseres Naturlied ist das „Lied fymn goldynym Morgen", in dem der Dichter das Erwachen der Natur besingt. Schöner sind zwei andere Lieder, in denen das familiäre Motiv vorherrscht. Im „Lied wie ein Taty kymt zym Kind1)", führt er uns einen jüdischen Leartypus vor Augen. Die Kinder Verstössen ihren Vater, der nun hungern muss. In den Herzen seiner Kinder regt sich kein erbarmen für ihn. Wenn er in der Küche seines Sohnes steht und sich am Ofen wärmt, schimpft die Schwiegertochter. „Kimt arein die Schnyr mit ein groissen Brym Yn schreit, yn ally Tepf bin ich schojn fyll. Nun geht er vom Sohne zur Tochter, aber auch hier wird er schlecht behandelt. „Ich hob gemeint, es wet mir sein dort besser, Zym Sof hob mich dort nyt, wie ahin zy tyn, Is mir mein Weihtug noch gresser, Heint hob ich nit kein Stykel ryhig Ort, — Ekstra lärmt of mir der Eidem, Aklal2) es kymt arois dus alty Sprichwort: Ein Schnyr mit dem Eidym senen a pur Scheidim3). Trotzdem er seine Kinder lieb hatte und ihnen sein ganzes Hab und Gut übergab, muss er von ihnen nur Leid ertragen. Ein Wunsch beherrscht ihn: „Soll er (Gott) mich bensehyn mit Gesynd, Fyn sein Hand soll ich hubyn Broit, Ich soll nischt kymen zy kein Kind." Ganz entgegengesetzt ist das „Lied fyn die zwei Stern". Hier beweint ein Vater den Tod seiner heissgeliebten Tochter. Einsam sitzt er da und erwartet die Rückhehr seines Sohnes, der bei den „Rekruten" dient. Das ist nun sein einziger Wunsch. Diese beiden Lieder sind, wenn auch der Reim hier und da schwerfällig ist, sehr feinfühlig; ebenso auch das „Lied fym Blinden". Schon im zweiten Gedichte tut Berl der jüdischen Rekruten Erwähnung, hiermit schreitet er zu einem besonderen Genre seiner Lieder fort, in denen er gegebene Kulturzustände schildert. Er soll mehrere Lieder dieser Art gedichtet haben, leider ist uns nur eines erhalten geblieben, das Lied „Fyn die Gseireh-Chassynes". In diesem Liede spiegelt sich die sogenannte Zeit der „Behules"4) (Ueberstürzung) ab. Als in den zwanziger und dreissiger Jahren die Europäisierung der Judenmassen *) In unseren Mitteilungen, Jg. 1911, Heft 37—40, S. 4—5 unter „Jüdische Volkslieder aus Galizien". 2) Somit. 3) Böse Geister. 4) In Russland fiel die „Behules-Zeit" unter Nikolaus I. in die Jahre 1842 bis 1846. Eine wertvolle Schilderung dieser Zeit finden wir in den soeben erschienenen Memoiren von Jechelskiel Kotik „Sichronoth" (Warschau 1913).