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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1913-01-01 · Heft 4 · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
16 (1913)
Issue
Heft 4
Date
1913-01-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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— 8 — besass, das nötige Interesse für die Ideale der Haskalabewegung fehlte. Berl, der Arbeiter, lebte sieh dichterisch in dem Darstellen der jüdischen Volkstypen eher aus, als dass er die Notwendigkeit verspürte, die geistigen Kämpfe der dreissiger und vierziger Jahre dss vorigen Jahrhunderts satirisch zu beleuchten, wie es beispielsweise Wölwel Zbarazer getan hatte. Der Arbeiter, der in Berl stark wurzelte, fühlte nur die soziale Differenzierung der einzelnen Klassen in der Judenheit und suchte diesem Empfinden das dichterische Gewand zu verleihen. Er fühlte eben das Abnormale und Unglückliche im jüdischen Leben an eigener Haut und hasste dessen Urheber, den er im jüdischen „Baal-Bus", in dem Bedränger der Armen, sah, von ganzer Seele. Dieser Kleinbourgeois, der „Bei Bedyngen schmyst er gyt Yn as es kymt zym Zuhlyn, redt er stolz, Er zyht fyn mir tropfenwas dus Blyt, Er will, ich soll baschlugen dy Kamern fyn Holz, Nyt genyg ych hob mich gemytscht a ganzen Tug, JVLys ich noch arbytyn bys yn der Nacht arejn Far Gott soll ofgeihn mein Klug." (Lid fym Schindelschläger.) Dieser „Bai-Bus" eben ist der Urheber des Uebels der Unzufriedenheit und Lebensapathie der niederen jüdischen Volksschichten. Berl war der erste moderne jüdische Volkssänger, aber auch der erste, der das Leid der jüdischen Volksmassen in ihrer Sprache dichterisch behandelte. III. Ausser den früher genannten Liedern, die ich als soziale Lieder bezeichne, hat Berl noch einige Lieder geschrieben, die wir hier kurz charakterisieren wollen. Ais erstes wäre das Lied: „Tug yn Nacht." Es ist dies ein Dialog zwischen der Nacht und dem anbrechenden Tage, in dem die Nacht die Vorzüge des Tages hervorhebt. Das Gedicht bieten keine Besonderheiten und zeis;t nur, dass Berl das Naturlied nicht sc feinfühlig beherrscht, wie das soziale Lied. Die letzte Strophe, in der die Nacht die Schönheiten des Tages im Monat Mai hervorhebt, offenbart vollständig Berls Schwächen als Naturdichter: Im Monat Mai dein Unrycken Die Menschen werden derfreit, Die Erd tyt sich of derkwicken Yn hilt sich ein in grynym Kleid, Dus Kanarykyl singt Yn der Slowiak1) klyngt *) Poln.: Nachtigall.

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