Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 16 (1913)
- Issue
- 3 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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10 — Schreit men, farwus, ich hob nit farrecht, Darwargyn soll er sich mit dem Bissyn. A Chasen is oich schlecht, wie men kykt arein, Es is ouch fyn die schlechte Parnusses1), Akegyn kon men ihm nit m'rachem2) sein, Yber mir sogt men up fyn dem Schamussys. Der Gaby hot sich spät ofgechapt, Ich bin noch nit gegangen kejn, dalith amys,3) Schreit, er hot nit gehert, wie ich hob geklapt Klap jo, klap nit — bist Dy ois Schames. Das ist eben sein Los. Wer das jüdische Kleinstadtleben in Galizien mit allen seinen Typen und deren kleinlichen Lebenszwecken kennt, fühlt, mit welchem Realismus Berl den Typus eines Synagogendieners, jener unglücklichen, der Gnade eines jeden „Gwir", der nur ein Wort in der „Khille" mitreden darf, ausgesetzten Person gezeichnet hat. In diesem Liede spiegelt sich aber auch teilweise das ganze jüdische Milieu einer solchen Kleinstadt wieder. Eine Fortsetzung können wir in Berls Liede „Der Chasen4* finden, das ohne Zweifel zu seinen schönsten Liedern, die soziale Typen zum Sujet haben, gehört. Ich nebach gmeiner Chasyn, Ich meg singen, wie wojl, Macht Chojseck4) ois mir ein Blazyn,5) Wemen kon ich denn farmachyn dus Maul? Ich meg mich wie mytschen6) Mit dem Singen noch bamyhen, Will mir einer fort derkytschen7), Wemen kon ich den epys tyn. Mächtlos steht der Vorbeter da und wie der Schames von jedem abhängig. Auf sein Singen ist ein jeder ein „Meiwin" (Kunstkenner). Ein jeder, der nur in der Synagoge betet, gibt den Kritiker ab; denn das Bethaus, die jüdische „Agora" ist ja beinahe die einzige Stätte jüdischer Kleinstadtkunstkritik. Sobald der Chasen ein Gebet gesungen, da fühlt sich ein jeder „Baal-Bus" verpflichtet, sein Gutachten öffentlich abzugeben. Keinem gefällt sein Singen und alle glauben immer, dass sein Vorgänger doch ein besserer Chasen gewesen. Ich meg singen dus schenste Styk,. Ich leig arein a bissei Koiach, Dus ist k'mat8) ein reiny Musik. Ich zytrug mich nebach mein Moiach, In Harz hob ich nebach ein Wynd, Frymme Lat redyn fort. ^Hebr.: Gewerbe. 2) Hebr.: bemitleiden. 3) Hebt.: 4 Ellen. 4) Hebr.: Spott. 8) Poln.: blazen ■= Dummkopf. fl) Pom.:. meczy<? plagen. 7) Poln.; dokuczac zu Leide tun. 8) Hebr.: beinahe, wie.