Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 16 (1913)
- Issue
- 3 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 6 — hier Berl auch dessen Schattenseiten. Seine sozialen jüdischen Lieder beginnt Berl mit der Darstellung der untersten Volksschichten. Der „Ur im mann", der von der Fremden Almosen lebt, eröffnet den Reigen. In diesem Liede schildert uns Berl den Typus des in der osteuropäischen Judengasse so oft zu findenden jüdischen Bettlers. Arm und unglücklich ist er, abhängig von der Gnade eines jeden, der ihm nur irgendwelche Gabe reicht/ Aber auch er, dieses sozial herabgekommene Individuum besitzt etwas, was alle Menschen haben — die „Neschumeh" 1). Batracht nor gyt den Urimmann Mit sein byter Ubleben, Wie fyn sein Masel2) is awek der Schein, As m'darf ihm Kicwyh3) geben. Er hot auch dy eigene Neschumyh, Asoi wie einyr, wus hot viel Geld. -Aber des Glückes Pforten sind ihm, dem Bettler, verschlossen, die Armut drückt sein Gemüt. Zu Hause harren seiner Weib und Kinder in der Hoffnung, dass ihnen der Vater Brot bringen werde, aber leider kann er auch diesmal ihren Hunger nicht stillen, weil er kein Geld hat. Doch trotz seiner schlechten Lage besitzt der „Urimmann eine gewisse Lebensfreude, welche im Liede vielleicht allzu sarkastisch zum Ausdruck kommt Gh.otschy meine Zurys4) uh'n ein schier5) . ki.sejer grois ys auch mein Pein, Indessen, sysser Gott, dank ich Dir dafyr, Nor ergyr soll mir chotschy6) schoin nitsein. Woryn besser sich wynschen hot kein Zuhl, Nor of ein gyty Zat bet a jeder Mensch. Sysser Gott, ich bet Dich dus letzty Mul, Sollst mich hubyn mit Parnussyh gebenscht. In diesem Liede schildert Berl das ganze wehmütige Leid des jüdischen Bettlers mit echt realistischem Sinn und feinem psychologischen Verständnis. « Der zweite Typus, den Berl schildert, ist der „Pekelmacher"7). Als Brodyer hat er zur Genüge Gelegenheit gehabt, diesen Typus aufs genaueste zu betrachten. Lebte er doch in der Zeit, da Brody eine freie Handelsstadt war und mit Russländ enorme Geschäfte erledigte. In dieser Zeit eben hat sich in Brody eine spezielle wirtschaftliche (wenn wir es so nennen dürfen) Klasse herausgebildet, „die Peklmachers". Aehnlich wie die „Mosrim"8), „Chapers"9) der Nikolaischen Regierungszeit gehörten sie zu den verderbtesten Individuen der Judengasse und bildeten somit den Abschaum der da- 1) Hebr.: Seele. 2) Hebr.: Glück. 3) Hebr.: Almosen. 4) Hebr.: Leiden. ß) Hebr.: Zahl. ß) Poln.: doch. 7) Der Schmuggler. ') Denunzianten. ö)' Sie stahlen jüdische Kinder fürs Militär.