Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1913-01-01 · 3 (1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
16 (1913)
Issue
3 (1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2638044-2638099-2638102--1423-2641130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zur Unterhaltung vorzusingen, doch schrieb er keines nieder, er sang sie aus dem Stegreif. In seinem vierzigsten Lebensjahre verliess er für längere Zeit Brody, um abermals als Einkäufer einer grossen Firma nach Russland, der Quelle des damaligen Brodyer Handels, zu gehen. Hier hörte er nicht auf, seine „Lieder zy brimen". Oft hatte er Gelegenheit, seinen Freunden, mit denen er täglich im Gasthause zusammentraf, seine Dichtungen vorzusingen. Auf deren Anregnug aber begann er nun öffentlich aufzutreten. Bald fand er einige Sänger, die früher als Baldchunim kein besonderes Glück gehabt hatten und bereit waren, mit ihm in verschiedenen Städten aufzutreten. So bildete sich die erste jüdische Volkssängergesellschaft, die sich nach ihrem Leiter „Broder-Sänger41 nannte. Jetzt kehrte Berl dem Handel den Rücken und begann sich nun ernstlich seinem neuen Berufe zu widmen. Er musste ja viele Lieder verfassen, um allabendlich das Programm seiner Gesangsgesellschaft auszufüllen. Seine Aufgabe bezog sich aber nicht nur auf das Liederverfassen, er. musste auch den Schauspieler abgeben, denn während des Vortrages stellte er die im Liede besungene Person dar. In der Tat soll seine Mimik eine glänzende gewesen sein. Schon nach kurzer Zeit wurde er populär, und seine Liedetr wurden überall nachgesungen. Von nun an begann man, ihn, wohin er nur kam, zu allen Festlichkeiten einzuladen, damit er die Gäste unterhalte. In dieser Hinsicht blieb er noch den alten Badchunim ähnlich. In Russland verbrachte er einige Jahre, in denen er in fast allen grösseren jüdischen Gemeinden auftrat. Nachher kehrte er nach Brody zurück, wo er öffentlich als Volkssänger zu wirken begann. In Brody bestand, damals ein Gasthaus Pinkus, wo sich alle aufgeklärten Kaufleute zu versammeln pflegten. Allabendlich stellten sich hier die Honoratioren ein, um beim Glase Wein einige angenehme Stunden zu verbringen. Als nun zu ihnen die Kunde drang, dass Berl ein begabter Sänger sei, forderten sie ihn auf, seine Lieder vorzusingen. Damit erntete er grossen Beifall. So bildete sich in Brody eine Art jüdisches Cabaret, das erste in Galizien. Seine Bekannten drängten ihn, die Lieder niederzuschreiben und sie im Drucke der Oeffentlichkeit zu übergeben. Er begann auch, ihren Wunsch zu erfüllen. Aus dieser Zeit wird von ihm folgende Anekdote erzählt. Wenn ihm einer seiner Bekannten sagte, er möge für. heute Abend ein Lied, in dem ein Bäcker, Melammed oder ein anderer Typus dargestellt werde, verfassen, pflegte er in sein Dachzimmer hinaufzugehen, und nach einigen Stunden war das Lied fertig, am Abend sang er es schon im Gasthaus. Zu dem Text hatte er auch die Melodie komponiert, die zumeist, ähnlich wie Wölwel Zbarazers Weisen, den Synagogengesängen oder den tänzelnden lustigen chassidischen Melodien nachgeahmt war. Seine Ver§rame pflegte er aber aus dem Stegreif zu singen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.