Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 16 (1913)
- Issue
- 1 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — Ruthenische Juden-Legenden. Von Dr. Omnwald. Außer der von Herrn Dr. Weissenberg an letzter Stelle erwähnten Rothschild-Legende bietet die Zeitschrift der Lemberger Chvetchenko - Gesellschaft im Jahrgang 1899 eine Reihe anderer Judenlegenden, von denen wir hier eine Auswahl bieten. 469. Rothschild hatte seine Zimmer, auch die Schwellen, mit Dukaten, also mit Münzen mit den Köpfen der österreichischen Kaiser, belegen lassen. Einst wurde von ihm zu einer Soiree auch die kaiserliche Familie geladen. Doch Kronprinz Rudolf lehnte ab und erklärte auf Befragen: „Ich will nicht auf die Köpfe meiner Väter treten". Daraufhin ließ Rothschild die Münzen entfernen1). (Vgl. Balla, Die Rothschilds 282.) 472. Ein Judenkind, dem in einer Hungersnot beide Eltern gestorben waren, ging im nächsten Frühjahr auf den Friedhof an ihre Gräber und rief: „Steh auf, Vater! Steh auf, Mutter! Die Bohnen sind schon lang auf den Stangen". Es hat gedacht, die Menschen sind wie die Bohnen. Im Winter sterben sie, im Sommer grünen sie wieder. 521. Zwei Bauern fuhren regelmäßig, der eine von Boryslaw und der andere von Drohobycz. Jeder führte einen Juden. Wenn sie unterwegs einander begegneten, schlug der eine immer des anderen Juden, anstatt seinen eigenen Juden vor den Hieben des anderen Bauern zu schützen. Endlich sah sich jeder Jude gezwungen, auch den Bauern des anderen mit Geld zu versöhnen, und die Bauern lachten sich ins Fäustchen. 516. Zwei Bauern schlugen sich, der eine blutete am Kopf. Sie kamen vor den Richter und ein Jude wurde als Zeuge vorgeladen. Er sagte aus: „Daß sich die beiden gerauft und daß der eine den anderen mit einem Stück Holz geschlagen hat, das habe ich gesehen. Woher aber das Blut geflossen ist, ob aus dem Kopfe des Bauern oder aus dem Holz, das weiß ich nicht." 520. Ein Bauer namens Bartko schuldete einem Juden Moische 500 Rubel und erfand den folgenden Ausweg, ihn nicht zu bezahlen. Tief in der Nacht ging er vor Moisches Schlafzimmer und rief: „Moische, Moische! Deine Frau Sore wird den Messias gebären!" Voller Freude ging Moische am nächsten Morgen zum Rabbiner mit der Botschaft, Gott habe ihm ein solches Glück verheißen. Der Rabbiner belehrte ihn aber, er habe unterlassen zu fragen, wer denn der Vater des Messias sein solle. Als nun Bartko in der nächsten Nacht seinen Ruf wiederholte, stellte ihm Moische diese Frage, und er erhielt die Antwort: „Bartko". Tags darauf ließ der Rabbiner Bartko rufen und er versprach ihm zu schenken, was Bartko ihm schuldig war, und ebenso sollte er Moisches 500 Rubel behalten, wenn er nur den Messias besorgen l) Aehnliches wird von Karl dem Großen erzählt.