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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1913-01-01 · 1 (1913) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
16 (1913)
Issue
1 (1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 9 (sequence 16)
Language
German
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— 9 — manches kaukasischen Juden geworden. Durch psychische Ansteckung auf dem Boden von Hunger und Unwissenheit verbreitet sich der Glaube an kostenlose Zuteilung von Land und Inventar in Palästina durch die Agenten des Hauses Rothschild. Trotz der sehr üblen Erfahrungen der darauf Eingegangenen ist er unausrottbar. Als ich diesen Glauben als bloßes Trugbild bezeichnete, schüttelten die Juden von Tarki mißtrauisch die Köpfe, und in Palästina begegnete ich kaukasischen Juden, die ihr armseliges Hab und Gut verkauft hatten und dorthin gewandert waren in der Hoffnung, ein Paradies zu finden. Bitter enttäuscht ließen sie aber die Legende nicht fallen, sondern beschuldigten die verschiedensten Personen und Institutionen, die ihnen den Zugang zu den Rothschildschen Gütern versperrten. In seiner Erniedrigung sucht das Volk einen Hoffnungsschimmer, und es ist ihm wenigstens ein Trost, daß irgendwo ein Mann seines Stammes lebt, der allmächtig und hilfsbereit ist, dessen Kraft aber einstweilen durch verschiedene Hindernisse lahm gelegt ist. Es ist ein Abglanz der Messias- und Sambationlegenden. Daß dieser Mann von hoher Abkunft und von Gott selbst dazu berufen sein muß, ist eine einfache Forderung der Volkspsychologie. Was die Rothschilds anbelangt, so sollen sie die Nachkommen Josuas sein, wie mir eine alte Tante in meiner Kindheit erzählt hat, und zwar wird auf folgenden Vorgang Bezug genommen. Als Mose bei Gott weilte, um das Zehngebot zu empfangen, sagte Gott zu ihm: „Mose, dich habe ich dazu erkoren, um dir das geistige und ethische Gut der Menschheit anzuvertrauen, es gibt aber noch ein Gut, das materielle, wodurch sich die Menschen regieren lassen werden, und für dieses habe ich keine passende Person." — „Gib es meinem treuen Diener Josua", wagte Mose zu bitten und Gott ging darauf ein in Anbetracht des hohen Ansehens, das Mose bei Gott genoß. Seitdem befindet sich die Geldwürde bei den Nachkommen Josuas, zu denen auch die Rothschilds gehören. Daß aber das Geld allein an und für sich weder Glück noch Freude bringen kann, sucht das Volk durch folgende Sentenz zu beweisen. Trotz seines immensen Reichtums ist nämlich der „alte" Rothschild Hungers gestorben. Als er einst in seine unterirdische Schatzkammer hinabstieg, war er so unvorsichtig, die Tür zuzuschlagen, und da er die Schlüssel draußen hatte hängen lassen, konnte er nicht heraus. Und als das Hausgesinde auf den Gedanken kam, ihn dort zu suchen, war es schon zu spät, da er auf seinem Golde tot dalag. Dieselbe Geschichte wird übrigens auch von Beilin angeführt, aber dem reichen Pinto von Amsterdam zugeschrieben. Sie dient nach ihm als Auslegung des Sprichwortes: Kol sman me klapt nit zu mit der lopetke (Spaten), wejss men nit dem ssof vun dem Menschen (Sprichwörter der sibirischen Juden [russisch] S. 17).

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