Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 14 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 146 — Ein Grundgedanke ist es, von welchem liier . das Speisegesetz beherrscht wird, alle diejenigen Tiere vom Genüsse vollkommen auszuschließen, welche keine oder doch nur sehr geringe Garantie für Reinheit bieten1). Daß ein durch Krankheit verendetes2) oder zerrissenes, schwer verwundetes3) Tier dazu gehört, ist selbstverständlich. In diese Kategorie fallen auch alle Geschöpfe, welche sich von Raub oder Aas ernähren, die wirklichen Raubtiere: ja selbst jene Tiergattungen, die raubtierähnliche Eigenschaften aufweisen, unterliegen diesem Verbot4). Ebenso erscheint es hygienisch gerechtfertigt, daß alle diejenigen Tiere von dem Genüsse ausgeschlossen werden, deren Aeußeres schon Ekel und Widerwillen erregt oder deren Lebensweise es mit sich führt, daß sie Parasiten und giftige Keime enthalten oder in sich aufnehmen. Diesem Gesichtspunkte entspricht es darum, wenn das Religionsgesetz den Genuß des Schweinefleisches5) verbietet, wenn es ferner die Reptilien wie Schlangen, Schildkröten, die Nagetiere wie Maus, Eichhörnchen, die Amphibien wie Frösche, Molche, die Insekten wie Heuschrecken6), Spinnen, alle Krustentiere wie Krebse, Krabben, alle Weichtiere wie Schnecken, Austern7) usw. zu essen verbietet. Was die Aale anbelangt, so ist erst in der jüngsten Zeit nachgewiesen worden, daß ihr Blut eine für den Menschen stark giftige Substanz enthalten kann. Die Hummern, Krabben, Austern, Miesmuscheln schließlich erweisen sich nicht nur als schwer verdaulich, sondern können auch die Träger eines die Gesundheit des Menschen schwer schädigenden Giftstoffes sein. Wie ganz anders erscheinen doch die Tiergattungen, welche das Religionsgesetz zum Genuß zuläßt; ihre Zahl ist zwar sehr gering, wenn man erwägt, daß es an 10000 bekannte Arten von Vierfüßlern und fast 3000 Arten von Vögeln gibt. Es sind dies aber Tiergattungen, die nicht nur durch ihre Zahmheit und Friedfertigkeit, sondern auch durch ihre Reinheit ausgezeichnet sind, und wenn wir die vierfüßigen Tiere als die Hauptvertreter unter dieser Gruppe berücksichtigen, sind es Tiergattungen, die ausschließlich von Pflanzennahrung, der mildesten und unschädlichsten Nahrung, leben. Unter den Vierfüßlern sind es die Arten der gehörnten Zweihufer, welche das Gesetz als rein erklärt: Rind, Schaf, Lamm, Ziege, Auerochs, einhörnige Antilope, Bockhirsch, Edelhirsch, Gazelle, Gemse, Reh, Steinbock. Diese 1) 3. M. 11,42. 2) 3. M. 39,44; 5. M. 14,21. 3) 2. M. 22,23. u. a. O. 4) Chulin 62. 5) Eine jetzt allerdings unbekannte Heuschreckenart war in der Bibel gestattet. 6) Schon Maimonides begründet das Verbot von Schweinefleisch diätetisch. More Nebuchim III. 7) Nach Brehms Tierleben 1902.