Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 14 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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— 93 - staunten Rabbi zu antworten, sondern stürzten auf ihn los und zerzausten ihn gewaltig. Böse zugerichtet eilte er nach Hause. Unterwegs dämmerte es bereits? und alle, die ihm begegneten, wicheu ihm mit scheuen Blicken aus, denn er war schrecklich anzusehen. In seiner Aufregung lärmte er zu Hause gewaltig und schreckte sein Weib aus dem Schlafe, welches, verschlafen auf die Erscheinung blickend, mit entsetzter Stimme schrie: Jaekef! Jaekef! E Gannew! e Gaslen! (Spitzbube, Räuber). Er aber, wütend darüber, daß sein eigenes Weib ihn verkenne, stürzte auf sie zu und schüttelte sie so lange, bis sie ihn endlich erkannte: „Mann" schrie sie, „wie siehst du denn aus?" „Wie seh ich denn aus? Sie haben mich a bissei gekrazt, weiter nischt!" Auch das herbeieilende Dienstmädchen erhob bei seinem Anblick ein schreckliches Geschrei. Aber selbst er war, als er vor den Spiegel trat, über sein Aussehen entsetzt. Er eilte an den Waschtisch, und nun wurde ihm alles klar. „Das hat kein anderer als der diebische Bocher getan. Aber warte, ich werde mich rächen und ihm alles gut heimzahlen, wenn er wiederkommt." — Der kluge Bocher kam auch wirklich zu Mittag wieder mit der unschuldigsten, bescheidensten Miene, ebenso zur Vesper (Schalesch-Südes). Er wurde freundlich aufgenommen und speziell zum Abend (Milawe malke) eingeladen. Hierauf sagte der Kaufmann zu seiner Frau: „Hör' mein Kind, nach dem Abendessen werde ich mit dem Bocher in den Spirituskeller gehen, du wirst dich entschuldigen und ihn darum bitten. Wenn wir sodann im Keller sind und du hörst jemand schreien, so wirst du wissen, wer da schreit, ich nicht, und wenn er noch so sehr schreit, es darf mir keiner herunterkommen." Und so geschah es auch. Der Bocher hatte zu Abend gut gegessen, und der Wirt bat seine Frau, mit ihm in den Spirituskeller zu gehen, um ihm zu leuchten. Die Frau entschuldigte sich und bat mit recht freundlicher Miene den Bocher, sie zu vertreten. Dieser weigerte sich auch nicht, trotzdem er bemerkt hatte, daß der Kaufmann einen derben Kantschuh hinter seinem Chalat (Rock) verborgen hatte. Er ergriff das Licht und ging hinter dem Kaufmann in den Keller. Kaum waren sie aber dort eingetreten, so eilte der Bocher an das größte Spiritusfaß, riß den Zapfen heraus und schleuderte ihn fort, das Licht stellte er beiseite. Der Spiritus schoß zum Spundloch heraus. Der Wirt, erschreckt darüber, eilte wütend zum Faß und hielt mit den Händen das Zapfenloch zu, um das Auslaufen zu verhindern, und schrie und schimpfte über den Bocher. Dieser aber ergriff den fallengelassenen Kantschuh und hieb tapfer auf den Rücken des Bal-boes, ohne auf dessen jämmerliches Geschrei zu achten. Endlich verlegte sich dieser aufs Bitten, aber der Bocher ließ solange mit den Hieben nicht nach, bis der Geschlagene hoch und heilig versprach, von nun ab den Bochrim ordentlich zu essen zu geben. Andernfalls versicherte der Bocher, werde er über diese Sache nicht schweigen und der Bal-boes werde von der