Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 14 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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— 92 — „Barches" abgefüttert wurde, verrichtete er bescheidentlich sein Tischgebet, dankte und entfernte sich durch den langen finstern Flur. Er schlug laut die Haustür zu, aber nur zum Schein, denn er hatte sich aus dem Flur nicht entfernt, sondern sich zwischen der Stuben- und Küchentür zwischen zwei Spiritusfässern versteckt und lauerte- Bald darauf riegelte das Dienstmädchen die Haustür von innen ab. Nunmehr trug sie viele leckere Speisen von der finstern Küche in die hell erleuchtete Wohnstube, deren Wohlgerüche dem armen Bocher in die Nase stiegen. Geduldig wartete der Horcher. Nunmehr begab er sich in die offene Küche, tappte im Speiseschrank herum und fand da eine gebratene Ente, die er in die Chalat-Tasche steckte, ebenso machte ers mit einem Braten, einer „Kugel" usw. — Nachdem er sich auf diese Weise schwer beladen hatte, fand er noch einige rohe Eier, die er gleichfalls mitgehen hieß. Hierauf schlich er zur Haustür und zog den Riegel fort und versteckte sich von neuem. Da sah er, wie die Köchin zur Haustüre ging, sie offen fand und lamentierend erzählte, es sei ein Spitzbube dagewesen. Er hörte auch, wie das Ehepaar endlich hinter die Wahrheit kam und auf ihn riet, wie der Bal-Boes (Hausherr) sich vornahm, morgen ganz in der Frühe (es war im Winter), wenn die Bochrim beim Rabbi versammelt sein würden, hinzugehen, den Bocher anzuklagen und, wenn möglich, sogleich zu züchtigen. Als die Eheleute nunmehr eingeschlafen und die Lichter zu Ende gebrannt waren, schlich sich der Bocher ins Zimmer, zerschlug die rohen Eier in den Wasserkrug, nachdem er ihn entleert hatte, nahm das Handtuch und fuhr damit in der Ofenröhre umher, um es so mit Ofenruß zu beschmutzen, und nun begab er sich in sein Quartier, wo ihn seine Genossen schon ungeduldig erwarteten. Er erzählte ihnen alles, entleerte dabei seine Chalat-Taschen und die jubelnden Kollegen halfen ihm redlich, den guten Sachen Ehre anzutun. Als die späte Mahlzeit unter Lachen und Scherzen zu Ende war, hub der Bocher mit ernster Miene so an: „Ich sehe, es hat euch geschmeckt und ihr werdet bei dem Geizhalz stets so gut essen, wenn ihr tut, wie ich euch heißen werde. Hört, morgen vor Tags, wenn wir beim Rabbi zum Schijer [Lektion] versammelt sein werden, wird der Geizhals zu uns hereinkommen, um mich zu verklagen. Er wird aber schrecklich aussehen. Wenn er sich nun auf der Schwelle zeigt, so schreien wir alle erschreckt: Rebbeleben! e Sched, e Sched (ein böser Geist) ist da! und sofort stürzen wir alle auf ihn und bearbeiten ihn so, daß er noch schrecklicher aussehen wird." „Ja, wir tuns!" riefs von allen Seiten, und sie hielten Wort. — Der geizige, erbitterte Spiritushändler hatte sich frühmorgens im Finstern mit dem Inhalt des Kruges, den Eiern, das Gesicht beschmiert und mit dem Handtuch voller Ruß vollends so besudelt daß er ein gräuliches Aussehen hatte. Bei seinem Eintritt ins Bet-hamidrasch ließen die Jünglinge dem Manne keine Zeit, dem fragenden, höchst er-