Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 14 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 - Von allerhand Streichen. Von Lehrer A. Sander s. A., Zabrze. Bestrafter Betrug. Ein Kaufmann reiste zur Messe. Unterwegs, in einem kleinen Städtchen, überraschte ihn der Sabbat. Da er an diesem Tage aber nicht Geld bei sich tragen wollte und im Orte ganz fremd war, so erkundigte er sich bei dem Gastwirte, bei dem er eingekehrt war, nach dem ehrlichsten Manne im Orte. Dieser Gauner empfahl ihm einen reichen und sehr angesehenen Kaufmann — seinen Schwager. Der Fremde begab sich zu diesem und bat ihn, ihm seine Barschaft von 1200 Rubel doch über Sabbat zu verwahren. Der Mann und seine Frau verweigerten dies anfangs energisch, wodurch der harmlose Fremde noch mehr in seiner Vertrauensseligkeit bestärkt wurde. Dem dringenden Bitten gaben sie jedoch endlich nach und nahmen das Geld an. Als aber der Eigentümer es am Sonntage wieder zurückverlangte, verleugnete das würdige Paar jede Bekanntschaft mit ihm, und als er, ganz verzweifelt über diesen Streich, zunächst aufs Bitten und dann aufs Drohen sich verlegte, warfen sie ihn vollends zur Tür hinaus. Als der Betrogene aber gar mit einer Anklage in die Stadt zu Gericht ging, hielten ihn alle für verrückt. Voller Verzweiflung trieb er sich nun in der Stadt umher und wagte nicht, in die Heimat zurückzukehren. Ab und zu ging er noch zu dem Räuber seines Vermögens und redete ihm ins Gewissen, aber er wurde nur ausgelacht und schließlich hinausgeworfen. So war wieder ein Freitag herangekommen, und der Arme streifte auf der Landstraße umher und trug sich mit Selbstmordgedanken. — Da kamen zwei hochbeladene Wagen mit Waren herangefahren. Auf einem saß der Eigentümer. Als dieser des Mannes finstere Miene gewahrte, rief er ihm einen Gruß zu. Der andere erwiderte ihn aber nicht. — Aus Neugierde ließ der Kaufmann halten, kletterte vom Wagen herunter und näherte sich dem Verzweifelnden. Er redete ihn freundlich an und erkundigte sich, was ihm fehle. Froh, endlich einem teilnehmenden Menschen zu begegnen, erzählte ihm der Arme sein Schicksal. — Der Fremde hörte ihm aufmerksam zu. Nach einer Pause sagte er: „Laßt alle Sorge fahren, Gott wird euch helfen. Aber merket! Tut genau, was ich euch jetzt sage: In genau einer Stunde kommt wiederum zu dem Betrüger und verlangt in bescheidenen Worten euer Geld, und ihr werdet es hoffentlich erhalten." Nachdem der Fremde den Armen verlassen hatte, besorgte er seine Wagen und begab sich zu dem betrügerischen Geldverwahrer. Er trug ihm dieselbe Bitte vor, wie der Betrogene vor acht Tagen. Er meinte: „Vertrauend auf eure berühmte Frömmigkeit, bitte ich euch recht sehr, mir über Sabbat meine Barschaft von 8000 Rubeln in Verwahrung zu