Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 14 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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— 80 — Jüdische Bräuche am Oberrhein. * Von N. M. Nathan. (S. diese „Mitt." H. 36.) Einer anderen Erzählung desselben Verfassers: Schamsche7 Roman aus dem jüdischen Gemeindeleben, Mannheim 1909, entnehme ich folgende Bräuche: Bei der Entrichtung des "?pt£>n rY^riD zahlt jeder drei halbe Silbergroschen. „Man hatte anstatt des zur Volkszählung nötigen einen halben deren drei festgesetzt, weil drei halbe Silbergroschen achtzehn Heller waren, und die hebräische Zahl achtzehn rückwärts gelesen heißt: „Er lebt", was man wohl auch als Wunsch für ein langes Leben deutete." (S. 147/8) „Es hatte sich nun der Brauch eingebürgert, daß diejenigen, die — infolge der Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres — zum erstenmale zahlungspflichtig waren, erst nach besonderer Mahnung zahlten, weil sie dadurch jedem deutlich zum Bewußtsein bringen konnten, daß sie jetzt auch vollgültige Männer seien,a (S. 148/9) und zwar ruft der Parnas: „Wer zwanzig Jahr alt geworden ist, muß Machzis-Hasehekelgeld bezahlen/' (S. 151) In der Zeit, in der die Erzählung spielt, hatte der Vorsteher bereits den Brauch eingeführt, daß man in der Pause zwischen Mincha und Maariw den Schekel zahlte, aber vor seiner Amtzeit wurde der halbe Sekel erst während der Verlesung des Buches Esther bezahlt und zwar in dem Augenblick, wenn die Stelle gelesen wurde: ,,In jener Nacht floh den Könige der Schlaf" und man hatte für diesem merkwürdig gewählten Zeitpunkt allerlei Begründungen, die auf Aberglauben berichten, aber es war nun einmal so der alte Brauch. Der Vorbeter kam dadurch der Sitte entgegen, daß er die Worte ,,In jener Nacht*mit denen das glückliche Zusammenwirken der Ereignisse im Buche Esther beginnt, so in die Länge zog. daß alle Zeit hatten, von ihrem Platz nach der Mitte der Synagoge zu rennen und den halben Sekel auf den Teller zu legen." (S. 149/50) Neben dem Schekelteller ,,standen noch zwei Teller übereinander, in welche jeder nach Belieben legen konnte, denn der Ertrag dieser Sammlung gehört dem Vorbeter als Lohn für die Vorlesung des Buches Esther." (S. 148). — „Als die Leiche Jekefs im Hausflur auf der Bahre stand,, versammelten sich kurz vor der für das Leichenbegängnis festgesetzten Zeit die Mitglieder der Gemeinde, und einer nach dem andern trat an den Fuß des Sarges und sprach die stehende Formel, mit der man die Toten um Verzeihung bat für Beleidigungen, die man ihnen im Leben zugefügt.44 (S. 214)J) — Am Abend einer Verlobung kommen die Nachbarn und Freunde vor das Haus der Braut und zerschellen dort zerbrochene Töpfe und Gläser, die sie sich für solche Zwecke aufgehoben haben (S. 260), ein Brauch, der allerdings auch anderwärts bekannt ist. *) Am Niederrhein findet das Mechile-Prajen sofort nach Einsargang der Leiche, also nicht unmittelbar vor dem Begräbnis statt.