Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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- 171 - Zur Zeit, da der Tote aus dem Hause getragen wird, begegnen ihm je nach seinem Verdienst gute Geister, die ihn begrüßen, oder böse, die ihn martern. Wie die guten, so die bösen Geister erscheinen in einer Zahl, die proportional ist der Zahl der guten oder schlechten Taten des Verstorbenen: „Jede gute Tat schafft einen guten Engel, jede schlechte einen bösen." Um die bösen Geister zu besänftigen, werfen die Bergjuden, am Friedhofe angelangt, Silbermünzen in die Luft, die später yon Waisen und Armen gesammelt werden. In einigen Dörfern existiert eine beständige Tragbahre, in andern eine provisorische. Es würde als große Sünde betrachtet werden, die eine mit der anderen zu vertauschen. Dieser Glaube ist folgenden Ursprunges: diejenigen, die eine ständige Tragbahre gebrauchen, wollen dem Tode zeigen, daß sie ihn nicht fürchten; die anderen, die eine provisorische haben, leben in der Hoffnung, es werde ein Tag kommen, da niemand mehr sterben wird, und deshalb wollen sie keine beständige Tragbare haben, die immer für einen von ihren Mitgliedern bereit wäre. Die Bergjuden glauben, daß ein Hund die Anwesenheit eines Toten fühlt und dies mit einem Geheul ankündigt. Sobald sie das Heulen eines Hundes hören, stecken sie vor der Tür ein Messer, eine Schere oder etwas aus Stahl in die Erde, weil der böse Geist vor dem Stahle Angst hat. Nicht immer verläuft die Beerdigung ruhig. Im Falle, wo der Verstorbene getötet wurde, tönen durch das Wehklagen hindurch Ausrufe des Zornes und Drohungen um Kache, denn nach dem Glauben der Bergjuden muß jeder Tropfen Blutes gerächt werden, sonst hat der Erschlagene keine Euhe im Grabe. Man kann die Blutrache nicht nur am Mörder selbst, sondern an seinem ersten besten Verwandten ausüben. Deshalb werden, sobald ein Bergjude jemanden getötet hat, an alle seine Verwandten heimlich Boten nach allen Dörfern und Städten geschickt, um es ihnen kund zu tun und sie zur Vorsicht zu ermahnen Diese versammeln sich bewaffnet an einem befestigten Orte und erwarten drei Tage den Feind. Die Eeichen mieten eine Wache, die jede Bewegung der Feinde beobachtet. Wenn die Verwandten des Ermordeten nach Verlauf von drei Tagen die Möglichkeit nicht ausgenützt, haben, die Blutrache am Mörder auszuüben, dann kommen die Ältesten der Stadt oder des Dorfes, um die Blutfeinde miteinander zu versöhnen. Vor der Versöhnung verhandelt man über die Geldsumme, die der Mörder der Familie des Ermordeten auszahlen muß. Sobald die Verhandlungen ein günstiges Resultat erlangen, gehen alle Verwandten des Mörders barfuß und ohne Mützen zu den Verwandten des Ermordeten, begleitet von den Ältesten des Dorfes. Im Hause des Verstorbenen fallen sie auf die Kniee und bitten um Verzeihung. Jene verzeihen und küssen sie. Damit ist der Friede geschlossen und die beiderseitigen Verwandten treten in Blutverwandtschaft