Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 170 (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2638044-2638087-2638091--0699-2640682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 170 — ginnen unter Führung einer Verwandten zu heulen und zu jammern, sie zerkratzen sich das Gesieht und reißen sich die Haare aus. Der Tode wird auf die Erde gelegt, wo er solange bleibt, bis einer vom Friedhofe zurückkehrt und erklärt, daß die Gruft fertig sei. Dann zündet man Kerzen an, der Eabbiner liest einige Psalmen vor, die Männer waschen den Toten ab, während die Frauen die Totenkleider aus Leinen nähen: ein Hemd, Hosen, Strümpfe, eine Mütze und Handschuhe. Das Gesicht wird mit einem Tuche zugedeckt. Alle diese Kleidungsstücke werden aneinander geheftet, sodaß vom Körper nichts zu sehen ist. Dann wird der Leichnam in einen Gebetmantel eingehüllt, worüber noch ein breiter und langer Eock, durch einen Leinengürtel festgebunden, kommt. Der Tote wird ohne Sarg, mit dem Kopfe nach Osten gewendet, begraben. Während der ersten acht Tage nach der Beerdigung sucht die ganze Gemeinde die Trauernden durch häufigen Besuch zu trösten. Für die Kommenden wird täglich ein Frühstück zubereitet. In einer Zimmerecke brennt ein Licht als Symbol der Seele des Verstorbenen, die während dieser Zeit häufig ins Haus zurückkehrt. Die Frauen bleiben auf ihrer Abteilung und erfüllen die Luft noch tagelang mit herzzerreißendem Geschrei. Manchmal wird die Beerdigung zur Festlichkeit. Das geschieht in dem Falle, wenn ein angesehener Greis oder eine Greisin stirbt. Dann bitten die Verwandten die Klagefrauen, nur einmal täglich zu jammern, und die übrige Zeit verbringt man mit Essen, Lesen von Psalmen und verschiedenen Spielen, woran auch die Kinder und Enkel des Verstorbenen ohne besondere Trauer teilnehmen. Hierbei findet folgender komischer Aufzug statt: ein Verwandter des Verstorbenen verkleidet sich als Greis und geht auf die Frauenabteilung, wo man eine Alte als Braut ankleidet und die Ankunft des Bräutigams erwartet. Um den Bräutigam versammeln sich junge Leute, Hochzeitslieder singend, und die Mädchen tragen auf dem Kopfe Platten, auf denen, wie bei einer Hochzeit, ungesäuertes Brot mit hereingesteckten Wachskerzen liegt. Beim Erscheinen des Bräutigams scherzt man und lacht und führt ihm die alte Braut zu. Er umarmt und küßt sie. Man zwingt sie zum Tanze unter Händeklatschen. Alle Anwesenden tanzen mit der Braut, die, in ihren Geberden ein Mädchen nachahmend, das Lachen aller Anwesenden hervorruft. Wenn eine Greisin stirbt, dann geht die Braut zum Bräutigam auf die Männerabteilung. Elf Monate wird „Kaddisch" gesagt. Nach dieser Zeit wird ein Monument auf dem Grabe errichtet. AUj ährlich findet am Sterbetage eine Gedächtnisfeier statt, auch die Frauen versammeln sich und weinen. Die Mädchen sind bei einer Beerdigung nicht anwesend, mit Ausnahme der Braut des Verstorbenen, die dann die Hauptrolle spielt und sich durch Klagen in Verzückung versetzt. Der Sitte nach wird sie als Braut des jüngeren Bruders betrachtet, auch wenn dieser nur 2 bis 3 Jahre alt ist. Sie muß warten, bis er groß wird und sie heiratet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.