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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 168

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 168 (sequence 40)
Language
German
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— 168 — tigam, jeder mit seinem Gefolge, besuchen die Eltern des Bräutigams. Dann fahren die Braut und die Brautmutter und der Bräutigam mit seinem Gefolge in die Synagoge. Die Brautmutter und die Freundinnen halten brennende Wachskerzen in den Händen. Am Ziel angelangt spielt die Musik eine lustige Melodie, der Bräutigam steigt aus dem Wagen in den Hof und die Braut wird yon einem Verwandten des Bräutigams auf den Händen hingetragen. Im Hofe der Synagoge steht ein Baldachin, ein Stück Seidenstoff an vier Stangen befestigt. Die Stangen werden von vier Verwandten des Brautpaares gehalten. Der Kabbiner liest die Gebete vor und das Brautpaar hört gesenkten Hauptes zu. Dann gibt der Kabbiner dem Bräutigam ein volles Glas Wein und spricht dabei ein Gebet. Am Tage der Trauung fastet das Brautpaar, und nur jetzt trinkt der Bräutigam ein bischen Wein und übergibt das Glas der Braut, die auch davon kostet und es dem Rabbiner reicht. Sodann vermählt sich der Bräutigam die Braut vermittelst eines Kinges oder einer Silbermünze. Hierauf verliest der Kabbiner den Heiratskontrakt. Nach dem Vorlesen füllt der Rabbiner wieder das Glas, spricht einen Segen und reicht es der Braut, die es dem Bräutigam übergibt. Dieser trinkt ein bischen daraus und zerbricht es dann, indem er es mit aller Kraft gegen einen Stein wirft, der zu diesem Zwecke unter dem Baldachin vorbereitet liegt1). Der Baldachin wird auseinander genommen und alle Anwesenden schreien ,.Hoch dem Brautpaare"! Nach der Trauung fahren die Neuvermählten ins Haus des Bräutigams, wo für sie getrennte Zimmer vorbereitet sind. Dort werden sie von den Eltern des Mannes empfangen und unter Segen und Küssen jeder auf sein Zimmer geführt. Zum Hochzeitsmahl werden alle im Dorfe eingeladen. Die Männer versammeln sich im Zimmer des Neuvermählten und die Frauen bei der Neuvermählten. Neben dem Bräutigam sitzt der Rabbiner, vor dem man einen Teller hinstellt, auf den jeder seine Gabe für die Neuvermählten legt. Ein Bruder des Bräutigams reicht jedem Spender ein Glas Wein und ruft laut die Summe und den Namen des Spenders aus. Nach dieser Zeremonie wird das Abendmahl serviert; der Rabbiner betet und wird dafür von den Gästen bezahlt. Dann gehen die älteren Gäste nach Hause. Auf der Frauenabteilung geschieht dasselbe, mit dem Unterschiede nur, daß kein Geld gesammelt wird. Bei den Neuvermählten bleiben nur ihre Freunde. Man singt und tanzt und freut sich bis spät in die Nacht. Um Mitternacht wird das Brautpaar zusammengeführt und sich selbst überlassen. Ihr Zimmer wird von einem Freunde bewacht. Nach etwa drei Stunden kehrt der Bräutigam zu seinem Gefolge zurück. Die Brautmutter begibt sich zur Neuvermählten. Dieses Ereignis wird von den Freunden des Bräutigams durch Flintenschüsse der Gesamtheit mitgeteilt. Die Brautmutter und die Freundinnen bleiben bei der Neuvermählten neun Tage, bedienen sie und suchen sie zu trösten, denn sie beweint das Verlassen des Elternhauses. Die Neuveri) [Über diesen Brauch vgl.Mitteil. d. Schles. Ges. f. VoJksk. XIX. S.28. D.Bed.]

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