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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 166

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 166 (sequence 38)
Language
German
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— 166 — ihre Ehre zu bewahren. Diese Sitte, die dem Bräutigam einen nächtlichen Besuch bei der Braut gestattet, heißt „Getschelej" (nächtlicher Besuch). Die Braut bereitet mit ihren Freundinnen für den Bräutigam verschiedene Speisen, Früchte und Geschenke vor und erwartet ihn am Fenster. Um Mitternacht klopfen die Männer ans Fenster und bitten sie hereinzulassen. Bei ihrem Erscheinen steht die Braut in einer Ecke des Zimmers mit dem Gesicht zur Wand gewendet.*) Der Bräutigam nimmt den Ehrenplatz ein und spricht mit den Freundinnen. Nach dem Abendbrote, an dem die Braut sich nicht beteiligt, bringen die Freundinnen Kissen und Decken und bereiten auf dem Boden Plätze für die, die ausruhen wollen. Allmählich begeben sich alle zur Ruhe und der Bräutigam bleibt mit der Braut allein und verbringt mit ihr die Zeit, bis der Tag anbricht. Dann zwingen ihn die Freundinnen fortzugehen, damit er für das zu lange Bleiben bei der Braut nicht getadelt werde. Wehe dem Mädchen, das ihre Keuschheit dabei eingebüßt hat! Zwei oder drei Monate vor der Hochzeit geschieht das sogenannte „Rach-Bura" (Abschneiden des Weges). So heißt die Zeremonie, mit der der Bräutigam das noch übriggebliebene Brautgeld dem Vater der Braut einhändigt, und nun erst fangen beide Parteien an, sich eifrig zur Hochzeit vorzubereiten. Dem Glauben der Bergjuden nach ist es von diesem Tage an für das Brautpaar gefährlich, allein irgendwohin zu gehen, besonders während einer finsteren Nacht, denn die „Mahadu" (bösen Geister) beneiden sie um ihr Glück, suchen sie von einander zu trennen und irrsinnig zumachen. Eine Woche vor der Hochzeit laden die Eltern des Bräutigams ihre Verwandten ein, damit sie die Brautgewänder für das Brautpaar zuschneiden und an die Armen Kleider aus bereitgelegten StolFen verschenken. Während dieser Woche werden auch Speisen an alle Leute, die im Laufe des Jahres ein Mitglied der Familie verloren haben, und überhaupt an Leidtragende versandt. Durch diese Aufmerksamkeit wird versucht, bei den Leidtragenden Verzeihung für die Hochzeitslustbarkeiten zu erwirken, die sonst als Beleidigung des Andenkens der Verstorbenen aufgefaßt werden könnten. Hierauf senden die Leidtragenden den Neuvermählten ihre Glückwünsche und bitten die Eltern, ihre Festesstimmung sich durch nichts beeinträchtigen zu lassen. Die Hochzeitsfestlichkeiten beginnen gleichzeitig bei dem Bräutigam und der Braut am Freitagabend und dauern gewöhnlich vier Tage. Das Hauptfest am letzten Hochzeitstage findet im Hause des Bräutigams statt, wo sich morgens alle Männer versammeln, um aus ihrer Mitte einen „Schach", d. h. Zeremonienmeister zu wählen. Der Kreis für die Tanzenden wird mit Sand bestreut. Rings herum stehen Bänke, auf denen der „Schach" mit seinem Gefolge sitzen. Vor ihm steht ein Tisch mit Getränken, rechts sitzt *) Vgl. Hoheslied V. 2, vielleicht eine weitere Bestätigung der Auffassung dieses biblischen Buches als einer Sammlung landesüblicher Hochzeitsgesänge. Die Redaktion.

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