Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 165 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2638044-2638087-2638091--0694-2640677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 165 — ihm völlig unbekannte, zukünftige Frau und die Anwesenden suchen ihn mit Erzählungen und Anekdoten zu zerstreuen. Nachdem der Eabbiner den „Tonoa" (Tenaim), Verlobungsakt, niedergeschrieben und die Eltern des Bräutigams die Zeit angegeben haben, wann sie das noch übrige Geld aushändigen werden, und wie viel Kleider und Schuhe der Bräutigam der Braut liefern muß, werden die älteren Gäste zum Abendmahl geladen, die Jugend aber verbringt die Zeit im Zimmer der Braut mit Singen und Tanzen. Die Braut gibt den Eltern, nahen Verwandten und Freunden des Bräutigams verschiedene Kosenamen. Den Vater und die Mutter nennt sie „bebe" und „dede", die Schwester „erke kus" (teure) oder „altun kus" (goldene Jungfrau), die Brüder „erke ulan" (geliebter), „isboi" (schlanker), „sijlu" (braver). Vom Bräutigam spricht sie nie und bedeckt sich vor Scham das Gesicht, wenn andere von ihm in ihrer Gegenwart sprechen. Wenn sie von ihm mit Freundinnen spricht, nennt sie ihn „u" (er). Der Bräutigam8 nennt alle beim Namen, seine Braut aber „u" (sie). Die Zeit zwischen der Verlobung und der Hochzeit dauert manchmal einige Jahre. Während dieser ganzen Zeit muß die Braut, sobald sie ihrem Bräutigam begegnet, fliehen, wobei sie das Gesicht zudeckt. Um seine Achtung und Ergebenheit den Eltern der Braut gegenüber kund zu tun, meidet der Bräutigam ihre Gegenwart. Sogar in der Synagoge, wo jeder seinen Platz hat, nimmt der Bräutigam sich einen anderen, wo ihn der Vater seiner Braut nicht sehen kann. Das dauert solange, bis die Eltern der Braut „das Gesicht des Bräutigams aufdecken", indem sie ihn samt seinen Freunden zu sich einladen. An einem bestimmten Abende kommen die eingeladenen jungen Leute zum Bräutigam und begeben sich mit ihm singend zur Braut. Hier werden sie von den Eltern der Braut empfangen und ins Fremdenzimmer geführt wo für sie Kissen zum Sitzen vorbereitet sind. Man gibt ihnen Wein, Branntwein, gebratenene Hühner und verschiedene orientalische Speisen. Nach dem Abendessen bringt man Platten, auf denen Kleider für den Bräutigam, sowie Geschenke für die Gäste, rote Eier, Äpfel und andere Früchte liegen. Auf einer anderen Platte liegen Zigarretten und leere Teller. Ein Freund des Bräutigams zieht die Kleider an, um sie den anderen zu zeigen. Dann wirft der Bräutigam in einen der leeren Teller ein Geldstück, etwa 10 oder 25 Mark. Alle Gäste folgen seinem Beispiel, indem jeder nach seinem Belieben einen kleinen Betrag dazulegt, wofür er ein entsprechendes Geschenk bekommt. Dann stecken die Gäste Zigarretten an, essen etwas und eilen nach Hause, um dem Bräutigam die Möglichkeit zu geben, diese Nacht in Begleitung von zwei Freunden die Braut zu besuchen. Die Eltern der Braut laden zwei Freundinnen der Tochter ein, damit sie diesem Besuche beiwohnen, und gehen schlafen, nachdem sie den Frauen befohlen haben, die Verlobten gut zu beobachten. Die Mutter nimmt der Tochter das Wort ab, dem Bräutigam gegenüber freundlich zu sein und dennoch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.