Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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— 164 — ausgeführt: man bringt den Neugeborenen auf einem großen Kissen in die Synagoge und übergibt ihn seinem „Beschneidungsvater", der in einem Lehnstuhl, genannt „Thron des Propheten Elias", sitzt. Dieser hält das Kind während der Operation, und der wirkliche Vater sagt dabei ein Gebet und gibt dem Kinde den Namen. Nach der Beendigung der Zeremonie bewirtet man die Anwesenden mit Wein, Hühner- und Gänsefleisch. Eeiche Leute laden das ganze Dorf zu einem Mittagessen bei sich zu Hause ein. Die Geburt eines Mädchens wird ganz anders von den Bergjuden aufgenommen. Die Wöchnerin wird ganz sich selbst überlassen. Niemand bezeigt ihr Aufmerksamkeit. Das Heiraten ist bei den Bergjuden mit vielen Schwierigkeiten und großen Ausgaben verbunden; denn der Bräutigam muß sich seine Braut kaufen, indem er ihren Eltern eine gewisse Summe auszahlt, die „Kaiin" genannt wird. Diese Summe beträgt mindestens 300 Mark. Außerdem wird die Hochzeit auf Kosten des Bräutigams gefeiert. Das Brautgewand, reich mit Silber und Gold gestickt, wird auch vom Bräutigam gekauft. Daraus ist zu ersehen, daß der Bergjude, um zu heiraten 600—800 Mark besitzen muß, worüber er selten verfügt. Deshalb bleiben viele unverheiratet. Die Bergjuden verloben ihre Kinder ohne deren Einverständnis schon im Kindesalter. Alle Unterhandlungen wegen des „Kalins" werden von den Vätern oder anderen Verwandten geführt. Zwischen Verlobung und Hochzeit finden einige Zeremonien statt. Sobald die Unterhandlungen zu Ende sind und der Tag der Verlobung bestimmt ist, bereiten die Eltern des Bräutigams die zur Verlobung nötigen Geschenke und das Handgeld, das mindestens 100 Mark beträgt, vor. Abends am bestimmten Tage kommen zu den Eltern des Bräutigams Gäste. Sobald alle versammelt sind, begeben sich die Eltern mit ihren Gästen und Töchtern, die auf dem Kopfe Platten mit Geschenken tragen, zur Braut. Die Geschenke bestehen meistens aus einem seidenen Tuche, einem Gold¬ oder Silberringe, der an der Ecke des Tuches befestigt ist, manchmal aus einem Paare Ohrringe und einem Talisman in Form einer leeren, geschlossenen Röhre, mit Ringelchen am unteren Rande zum Anhängen von Silbermünzen versehen. Wie erwähnt, werden die Geschenke auf einer Platte von einer Schwester oder Verwandten des Bräutigams getragen. Außerdem eröffnen die Prozession zwei oder drei Mädchen, die Geschenke für die Eltern der Braut tragen. Gewöhnlich sind es 10 bis 15 Pfund Reis, ein großes Stück geräucherten Fleisches, zwei, drei Würste und ein Stück vom Fettschwanze des Schafes. Zu ihnen gesellen sich noch einige junge Leute, die große Flaschen mit Wein und Branntwein tragen. Die ganze Prozession begibt sich singend zur Braut. Der Bräutigam verbringt diese Nacht bei einem Freunde, denn der Sitte gemäß darf er nicht zu Hause bleiben, wo jede Minute der Name seiner Braut erwähnt wird. Er denkt an seine