Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2638044-2638087-2638091--0691-2640674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 162 — wohner der Städte sind den europäischen ähnlich, nur im asiatischen Geschmack verziert. Die sogenannte „Saklja" besteht gewöhnlich aus zwei oder drei Zimmern, von denen das eine für Frauen; das andere für Männer und das dritte für Gäste bestimmt ist. Das Frauengemach ist der schmutzigste Teil des Hauses, weil er zugleich Küche, Vorrats- und Kinderzimmer ist, am saubersten wird das Fremdenzimmer gehalten. Das Gastrecht ist bei den Bergjuden, wie auch bei allen anderen Bergstämmen, heilig. Jeder Wirt nimmt sehr freundlich den Wanderer auf, erweist ihm verschiedene Gefälligkeiten und gibt ihm sogar Geld, wenn er in Not ist. Im häuslichen Leben der Bergjuden begegnen wir Gebräuchen, die sie entweder von ihren Ahnen geerbt oder von den anderen Einwohnern des Kaukasus entnommen haben. Von Interesse sind die Gebräuche bei der Geburt und der Beschneidung. Sobald die Frau fühlt, daß die Zeit der Niederkunft gekommen, wird eine „Momoi" (Hebamme) geladen. Die Entbindung geschieht stehend oder auf den Knieen, wobei die Frau sich an einer Schnur, die an der Decke des Zimmers befestigt ist, festhält. Manchmal wird für die Entbindung auf dem Boden ein Strohbett zubereitet. Allmählich versammeln sich die Frauen aus dem Dorfe bei der Gebärenden, Mehl, Eier, Zwiebeln u. dergl. mitbringend. Alles dies ist für die Hebamme bestimmt. Nachdem alle Frauen sich versammelt haben, nimmt eine von ihnen ein Stück Linnen und hängt es über die Tür, so daß man es von beiden Seiten sehen kann. Es bleibt solange hängen, bis die Wöchnerin aufgestanden ist, dann wird es der Hebamme geschenkt. Man glaubt, daß die weiße Farbe zur Verscheuchung der Geister dient. Wenn die Frau bei der Entbindung stark leidet, schickt man jemanden auf den Friedhof, um Erde vom Grabe eines bestimmten Toten zu holen. Diese Erde, mit Wasser gemengt, wird der Leidenden eingegeben. Hilft anch das nicht, so lädt man Schüler ein, damit sie Psalmen vorlesen. Sobald ein Knabe geboren wird, eilt die Hebamme zum Vater, um ihm die gute Nachricht zu bringen und dafür ein Geschenk zu erhalten. AHe freuen sich bei dieser Nachricht, vor allem aber die Mutter, die dafür besonders geehrt wird. Der Vater schickt einen von den Knaben in die Frauenabteilung, damit, er dort an alle Fenster und Türen Papierchen mit dem Namen der Engelbeschützer anklebe. Das wird getan, damit die bösen Geister dem Neugeborenen und seiner Mutter keinen Schaden bringen können. Während der ersten Zeit nach der Niederkunft bekommt die Wöchnerin nichts als Suppe ohne Fleisch. Der Eingang zu ihr ist jedem Manne, auch ihrem eigenen verboten. Sie wird nur von Frauen und der Mann von Männern besucht. Wie die einen, so werden auch die anderen mit Wein und Früchten bewirtet, und die Gäste geben der Hebamme Geld und Geschenke.