Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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— 161 — bereiten. Männer über 15 Jahre gehen nach der Synagoge entweder zu den Verwandten, um zu gratulieren, wobei sie mit Branntwein oder Wein bewirtet werden, oder zu solchen, die Trauer haben, um ihnen zu kondolieren. Die Bildung der Bergjuden steht auf einer sehr niedrigen Stufe. Es fehlt ihnen nicht nur europäische, sondern auch hebräische Bildung, da sie fürchten, die europäische Bildung würde ihre Söhne zur Abtrünnigkeit führen. Es gibt Dörfer, wo man nur zwei bis drei Menschen findet, die schreiben und lesen können. Der Ritus der Bergjuden unterscheidet sich von dem der europäischen Juden, besonders an Festtagen. Beim Beten stehen die Bergjuden gegen Westen gewandt, während die europäischen Juden sich gen Osten wenden. Den Frauen ist der Eingang in die Synagoge verboten und keine von ihnen versteht zu beten. Einige gottesfürchtige alte Frauen kommen in das Vorzimmer der Synagoge, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Die Frauen haben nur drei religiöse Pflichten zu beobachten: 1. Das Anzünden zweier Wachskerzen Freitag abends unter Vorlesen eines Gebetes, 2. die Bewahrung der körperlichen Eeinheit nach der Menstruation t 3. das Abschneiden eines Stückes Teiges (Challah) während des Brotbackens, wobei ein Gebet gesagt und das Teigstück ins Feuer geworfen wird. Vor der ersten „Waschung" nach der Menstruation darf die Frau keine Sabbatkerzen anzünden und keine „Challah" schneiden, weil sie dann noch unrein ist und keine Gebete sprechen darf. Am 15. Tag geht sie zum Fluß in Begleitung eines Knaben oder einer Frau, wo sie die „zweite Waschung" vornimmt und „rein" wird. Der Knabe muß in der Ferne stehen und der Frau nach dem Bade entgegenkommen. Die Bergjüdinnen teilen den altjüdischen Glauben, daß sie ein Kind gebären, das das Aussehen des Menschen oder des Tieres, dem sie nach der Waschung begegnen, haben wird, weshalb sie einen hübschen Knaben mitnehmen. Im Äußeren sind die Bergjuden den europäischen sehr wenig ähnlich, dagegen sind sie schwer von der übrigen Bevölkerung des Kaukasus zu unterscheiden. Alle schweren Arbeiten in der Wirtschaft sind der Frau auferlegt, die keine freie Minute hat. Die Frauen sind im allgemeinen sehr bescheiden und überschätzen nicht den Nutzen, den sie der Familie bringen. Dabei haben sie aber eine schlechte Eigenschaft, die sie in der Meinung der Männer erniedrigt, nämlich die Zanksucht. Die schwere Arbeit und die Sorgen um die Familie machen die sonst schönen Frauen frühzeitig alt, was dem Ehemanne nicht selten als Veranlassung dient, eine jüngere zu nehmen. Auch die Kinderlosigkeit ist eine häufige Ursache der Vielweiberei, die bei bei den Bergjuden nicht verboten ist. Die Wohnungen der Bergjuden, die in den Dörfern leben, bestehen aus Steinbauten, sogenannten „Sakli", die Häuser der Ein-