Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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— 155 — Hindernisse in den Weg zu legen. Sie sollten einander nicht schädigen, und der Magistrat solle sie, die jüdischen Musikanten, gegen Übergriffe schützen. 1795 belief sich die Anzahl der Lissaer Klesmorim noch auf neun.1) Von diesen Lissaer Klesmorim hören wir auch noch einmal aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts durch den dort 1814 geborenen Ludwig Kaiisch, der aus seiner Kindheit berichtet2): „Eine ganz eigentümliche Klasse bildeten die jüdischen Musikanten. Sie spielten fast alle Instrumente. Der Zymbelschläger galt als ein großes Talent. Wie die Zigeuner waren sie Naturmusiker und lasen keine Noten. Sie produzierten sich bei heitern Festlichkeiten und wurden gut honoriert. Wenn aber eine Hochzeitsfeier in einer reichen Familie stattfand und sie auf einen erklecklichen Ehrensold rechnen durften, traten sie in einem ganz absonderlichen Kostüm auf. Dasselbe bestand aus einem langen Kaftan und einem ungeheuer hohen komischen Hut von gestepptem Tuche. Sie sahen so possierlich aus, daß man sich yon ihnen folgende Anekdote erzählt. Als Napoleon einst auf einer Eeise nach Posen das Weichbild meiner Vaterstadt berührte, harrten sie seiner in besagter Phantasietracht. Der Kaiser kam und war im Wagen so tief im Gespräch mit Duroc begriffen, daß er die jüdischen Priester der Euterpe gar nicht beachtete. Endlich schlug er die Augen auf und dicht am Kutschenschlag die Musikanten erblickend, schien er zu stutzen. Einer aus der Künstlerschar glaubte, daß sich in den Zügen des gewaltigen Herrschers eine große Angst vor ihnen verriete; er rief ihm daher ermutigend zu: Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Majestät! Wir sind ja gar keine Türken." Mit dem Hackebrett, einem mit Saiten bezogenen Brett, auf dem mit Holzhämmern gespielt wird, zogen die Klesmorim wohl auch manchmal im Lande umher, wie eine Verordnung erkennen läßt, die im Mai 1694 in Eiga dahin erging, daß wohl den Bärenführern, die sich um diese Zeit gewöhnlich hier einfänden, nicht aber, wegen der Trauer, den mit dem Hackebrett umhergehenden Juden gestattet sein sollte, in den Wirtshäusern zu spielen.3) Das Hackebrett ist übrigens noch gegenwärtig unter den Juden in Dünaburg in Gebrauch. Die nicht grade klassische Eedeweise: er hackt dem Zymbal, charakterisiert in drastischer Weise dies volkstümliche Instrument.4) Einer dieser Klesmorim erfand oder verbesserte übrigens ein dem Hackbrett5) verwandtes Instrument und handhabte dasselbe mit so außerordentlicher Virtuosität, daß ihm seine ungewöhnx) Levin, Gesch. d. Juden in Lissa. Pinne 1904. S. 17 u. 23 f. 2) Bilder aus meiner Knabenzeit. Leipzig. 1872. S. 141 f. 3) Buchholz, Gesch. d. Juden in Kiga S. 23 f. *) Ebendas. (Mitt. d. Dr. Wilh. Neumann). 5) [Berthold Auerbachs Großvater mütterlicherseits hieß — nach A. Bettelheim B. A. 10 — wegen seiner Virtuosität auf diesem Instrument Schmul* Hacketebak. Wir finden es auch auf der Picart'schen Darstellung einer jüdischen Hochzeit in Amsterdam.]