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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 156

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 156 (sequence 28)
Language
German
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— 156 — liehe Begabung sogar den Weg in die europäischen Konzertsäle bahnte. Mendel1) Sagt YOn ihm: „Michael Joseph Gusikow, eine der seltsamsten und originellsten Virtuosenerscheinungen der Neuzeit, war zu Sklow in Polen am 2. Sept. 1806 von armen jüdischen Eltern geboren und sein früh hervortretendes musikalisches Talent, ein Erbteil der Familie, die über hundert Jahre zurück lauter Musiker unter ihren Gliedern zählte. Da eine schwache Brust es ihm unmöglich machte, das traditionelle Instrument, die Flöte, weiter zu behandeln, so warf er sich, um den Erwerb seiner Familie nicht zu unterbrechen, seit 1831 mit einem wahrhaft fieberhaften Eifer auf die unter dem Volke beliebte Strohfiedel, ein Holz-Stroh-Instrument aus abgestimmten Fichtenholzstäben (s. Holzharmonika), das er verbesserte und im Tonumfange erweiterte. Bald brachte er es so weit, daß er sich 1832 im italienischen Theater zu Odessa hören lassen konnte, wo er ungeheuren Beifall fand. Gleiche Auszeichnung wurde ihm in Moskau zu Teil. In Kiew hörte ihn Lipinski, der ihn bewunderte und aufmunterte. Dies trieb ihn mit Aufopferung seiner Gesundheit zu noch fleißigerer, bei Tag und Nacht fortgesetzter Uebung. Er trat nunmehr eine Kunstreise durch das übrige Europa an, und überall, besonders in Wien, Deutschland und Frankreich, erregte er in seiner polnisch-jüdischen Tracht, mit dem langen Barte und den bleichen, wehmütigen, aber geistreichen'Zügen, sowie durch die enorme Fertigkeit, mit welcher er sein fremdartig klingendes Instrument behandelte, Interesse, Staunen und Bewunderung. Aber die Anstrengung war zu groß für seine schwachen Nerven. Gänzlich entkräftet, suchte er vergebens in den Bädern von Spa sich wieder zu stärken und starb endlich auf der Rückreise zu den Seinigen begriffen, am 21. Oktober 1837 zu Aachen." Mendelssohn, der Gusikow zu hören Gelegenheit hatte, schrieb über ihn, ans Leipzig, 18. Februar 1836, an seine Mutter: „ich bin neugierig, ob Euch Gusikow auch so gefallen hat wie mir. — Er ist ein wahres Phänomen; — ein Mordskerl, der an Vortrag und Fertigkeit keinem Virtuosen der Welt nachzustehen braucht, und mich deshalb auf seinem Holz- und Strohinstrument mehr ergötzt, als Viele auf ihren Pianofortes, eben weils undankbarer ist. — Eine herrliche Szene gab es hier in seinem Konzerte. Ich ging hinaus, um ihn in dem Zimmer, worin er sich aufhielt, zu sprechen und ihm mein Kompliment zu machen; — Schleinitz und David wollten mit hinein: eine ganze Schar polnischer Juden zog hinterher und wollten die Komplimente mit anhören; als wir aber an das Kabinett kamen, drängten sie sich so geschwind hinein, daß David und Schleinitz zuletzt blieben, und dann machten sie die Tür vor der Nase zu, waren ganz still, und warteten, was Gusikow für Komplimente bekommen sollte. Ich konnte aber erst vor Lachen kaum etwas vorbringen, wie das ganze Kabinett mit den bärtigen Kerls vollgepfropft war, und die beiden ausgesperrt waren. — Übrigens habe ich mich seit langer Zeit in einem Konzert nicht so unterhalten, wie in diesem, weil er eben ein wahres Genie ist."2)!) Musikal. Konversations-Lexikon. IV. S. 460. 2) Briefe aus den Jahren 1833—1847 von Felix Mendelssohn -Bartholdy. (Jüd. Volksblatt 1865. S. 204.) (Fortsetzung folgt.)

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