Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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— 124 — Die kaukasischen Bergjuden zählen zu den ältesten Einwohnern des Kaukasus und bieten in ethnographischer Beziehung sehr viel Interessantes. Die Zeit der Übersiedelung der Bergjuden nach dem Kaukasus ist unbestimmt, aber die Volkssagen erzählen uns von einer Abstammung von jenen Israeliten, die von den assyrischen und babylonischen Königen in Medien angesiedelt wurden. Noch in Persien vermengten sich diese Juden mit dem iranischen Stamme der Taten, wobei ein Teil sich zum Heidentum bekehrte, während ein anderer die mosaische Religion unter den Iranern verbreitete, weshalb auch ihre jetzige Sprache mit der persischen verwandt ist, und die Religion der Bergjuden manche heidnischen Gebräuche enthält. Den Sagen nach vermengten sich weiter die Juden- Taten im Mittelalter mit den Chasaren, die am Westufer des Kaspischen Meeres lebten. Beim Eindringen der Araber bekehrten sich viele dieser Juden zum Mohammedanismus, die übrigen aber blieben der mosaischen Religion treu und erhielten den Namen „Dag-Tschufut", d. h. Bergjuden. Viele Ortschaften des Daghestans bewohnen Taten-Mohammedaner, die den Bergjuden sehr ähnlich sind und dieselbe Sprache sprechen. Man kann sie nur dadurch unterscheiden, daß sie kein Lockenhaar tragen, während die Bergjuden, obgleich sie den Schopf rasieren, doch kurzes Lockenhaar übriglassen. Viele Mohammedaner erzählen selbst von ihrer früheren Zugehörigkeit zum Judentum und ehren als Heiligtum die hebräischen Bücher, die sie von ihren jüdischen Vorfahren geerbt haben. Sie geben auch bis heute ihren Kindern dem alten Testamente entnommene Namen ihrer Mütter und Väter. In vielen Ortschaften von Daghestan und Baku, wo keine Bergjuden mehr leben, findet man Trümmer von früheren jüdischen Dörfern. Die Mohammedaner nennen sie: Tschufut-Tebe, jüdischer Berg, Tschufut-Kabur, jüdische Gruft usw. Infolge der religiösen Verfolgungen seitens der Perser kamen die Bergjuden in ihre jetzigen Sitze. Ihre Dörfer grenzen an die der übrigen Bevölkerung, in einigen Gegenden leben sie aber in gemeinsamen Dörfern. Im allgemeinen stehen die Bergjuden mit der übrigen Bevölkerung auf friedlichem Fuße. Nicht selten befreundet sich der Bergjude mit seinem mohammedanischen Nachbarn und wird durch einen heißen Kuß sein „Kurdasch" (Freund). Dabei tauschen sie die Gewehre miteinander und tun das Gelübde, einander im Notfalle zu verteidigen. Unliebsame Zusammenstöße sind meist Folge des religiösen Fanatismus der Mohammedaner. Wie wird aber der Bergjude geliebt und geschätzt, wenn er sich zum Mohammedanismus bekehren läßt! Da steht ihm die ganze Gemeinde zu Diensten. Man gibt ihm die beste Wohnung, macht ihm Geschenke: der eine schenkt ein Pferd, der andere Brot oder Vieh, man freit ihm das beste Mädchen im Dorfe und gibt ihm den Zunamen „Scheich" (Heiliger). Die Beschäftigung der Bergjuden besteht meistens in Garten-