Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 107 — für ihren reichen Dialekt nur ein wegwerfendes Achselzucken haben darf. Zu diesen Kesultaten waren bereits bekannte Germanisten wie Hildebrand, Zarncke *) und von der Hagen gelangt, welche die Wichtigkeit jüdisch-deutscher Sprache und Literatur für die deutsche Sprach- und Literaturgeschichte unbedingt anerkannten. Obwohl sich nun letzterer noch nicht ganz davon frei machen kann, im Jüdisch-deutschen einen willkürlichen, unorganischenMischmasch zu finden2) — wer würde z.B. etwas Ähnliches von der englischen Sprache behaupten wollen — so sagt er doch an anderer Stelle sehr treffend: „Diese Sprache ist nicht unbeachtet zu lassen, indem sie, dem Altdeutschen der Volksbücher und Lieder zunächst verwandt, daran festhält, so daß sie noch manche alte Wörter und Formen gebraucht, die schon aus unserem Schriftdeutsch verschwunden und kaum in den neuen Wiederholungen der Volksbücher vorkommen"3). Dieser Eeichtum an alt- und mittelhochdeutschen Sprachschätzen, welche der jüdisch-deutsche Dialekt, der andererseits alle Erscheinungen der deutschen historischen Sprachwandlung mitmachte, bis auf die neuste Zeit treu und lebendig bewahrt hat, während sich im Neuhochdeutschen nur vereinzelte Eeste davon finden, ist es also, welcher ihm unter anderen Dialekten vielleicht den ersten, mindestens aber einen gleichen Platz sichern muß. Und wenn es auch gewagt ist, mit Klausner zu behaupten, daß von diesem Dialekt die Bereicherung der hochdeutschen Schriftsprache ausgehen werde4), so erkennen wir doch ohne weiteres an, daß er als historisches Denkmal des Alt- und Mittelhochdeutschen eine Quelle bildet, „die für die Geschichte der deutschen Sprache und für die Wissenschaft der Sprachvergleichung eine schier unerschöpfliche Fülle lichtbringender Ergebnisse verheißt"5). Eine gleiche Überzeugung vertrat auch Hildebrand auf der Philologenversammlung zu Würzburg im Jahre 1868 in seinem x) Daß Zarncke in einem Kolleg über „Deutsche Literaturgeschichte bis zum Zeitalter der Reformation" auf die Wichtigkeit des Jüdisch-deutschen in sprachlicher, kultur- und literarhistorischer Beziehung hingewiesen hat, erfahren wir von B-osenberg, über eine Sammlung deutscher Volks- und Gesellschaftslieder in hebr. Lettern, S. 6, Anm. 2. 2) Von der Hagen, Romantische u. Volksliteratur d. Juden, S. 7. 3) Ebenda S. 11. 4) Klausner, Sprache und Nationalität, S. 51. 5) Ebenda S. 52. 3*