Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2638044-2638087-2638090--0634-2640616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 106 — etwa einen Satz verzeichnet finden wie: Die Juden schreiben die Wörter ihrer korrupten Aussprache nach, setzen also mir, für wir; IT» aso, für also; Ep^ niks, für nichts; )y^b leien, für lesen — so werden wir auch über dieses schiefe Urteil lächeln, weil es aus einer Zeit stammt, die eine germanistische Wissenschaft mit weitverzweigter Dialektforschung und Sprachvergleichung noch nicht kannte. Begegnen wir aber, nachdem die jüdisch-deutsche Sprache mit ihrer vielseitigen Literatur über ein Jahrhundert lang so gut wie gar nicht beachtet worden, im XIX. Jahrhundert einem Urteil, welches dieselbe zu einer abscheulich verhunzten Sprache stempeln möchte, der jede Berechtigung abzusprechen ist, und kommt diese verständnislose Auffassung aus dem Munde eines deutschen Gelehrten wie Heinrich von Treitschke*), da will es uns fast dünken, als ob auch eine neuere, aufgeklärtere, mit exakter Wissenschaftlichkeit prunkende Richtung noch nicht frei von stolzer Überhebung und Verblendung sei, nachdem längst ein bahnbrechender Humanismus die Geistesschätze aller Nationen für gleichberechtigt erklärt hat. Denn gerade der deutsche Historiker Treitschke hätte die verschiedenen Phasen, welche die Geschichte des Judentums innerhalb der deutschen Geschichte durchwandelt hat, doch so weit kennen sollen, daß er nicht erst die aus Polen und Litauen nach Deutschland zurückströmenden Juden mit starrem Eigensinn die deutsche Sprache erlernen ließe. Er mußte wissen, daß die deutschen Juden, als sie im Jahrhundert der Verfolgungen überall den Wanderstab ergriffen und ostwärts zogen, die deutsche Sprache als ein reines, unverfälschtes Gut mit sich nahmen; daß sich dieselbe erst in der Abgeschlossenheit, fern vom heimatlichen Boden, mit den verschiedensten Elementen vermischte, und daß endlich der jüdisch-deutsche Dialekt, wie ich schon oben erwähnte2), eine verhältnismäßig junge Erscheinung ist; daher man nicht mit Voreingenommenheit gegen die Juden den Vorwurf der Sprachverhunzung erheben, noch in philologischer Unkenntnis tum III, S. 198 f.; Landau, Bibliographie des Jüdisch-Deutschen (Deutsche Mundarten I), S. 126 f. Vgl. dazu aber Landaus Bemerkung in den Mitteilg. d. Ges. f. jüd. Volkskunde VII, S. 23, Anm. 1. *) Treitschke, Deutsche Gesch. im XIX. Jahrhundert V, S. 630. 2) Siehe Mitteilg. zur jüd. Volkskunde XXVI, S. 80.