Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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— 87 — Beisein essen. Während der Mann gewöhnlich Weizenbrot und Fleisch isst, bekommt die Frau Gerstenbrot und Fleisch nur an Feiertagen. Die Abfahrt des Mannes gilt für die Frau als Trauerzeit, während der sie sich weder waschen noch die Kleider wechseln darf. Die Ehescheidung findet sehr oft statt und Männer, die in vierter oder fünfter Ehe stehen, sind keine Seltenheit. Die nizabiter Juden sind abergläubisch und schreiben der Zauberei sowie dem bösen Blick starke Wirkung zu. Die Leichen werden sobald als möglich beerdigt, kindliche Leichen werden von Kindern besorgt. Im Grabe wird die Leiche an den Seiten von Steinen umgeben und oberhalb mit Steinplatten zugedeckt. Am nächsten Tage nach der Beerdigung sowie am siebenten nach der Schiwah wird das Grab der Verstorbenen von den Verwandten aufgesucht. Das Grab eines Mannes unterscheidet sich von dem einer Frau dadurch, das das erstere zwei Denkmäler, eines am Kopfende und das andere in der Mitte, das letztere nur eines von diesen zeigt. Das Wochenfest dauert drei Tage. Zur Erinnerung daran, dass Moses in der Wüste aus dem Felsen Wasser schlug, bespritzen sich die Juden gegenseitig am Wochenfest mit Wasser. Der dritte Tag wird ironisch „Die Einnahme Ghardeias durch die Juden" genannt, denn an demselben ziehen die Juden morgens von aussen in die Stadt, auf Mauleseln reitend und mit Palmzweigen bewaffnet. Am Jörn Kippur gehen die Juden barfuss. Dr. S. Weissenberg. Dr. Warren J. Moulton, Das samaritanische Passahfest. Zeitschr. d. deutschen Palästina-Vereins, Bd. 27, S. 194—204. Die dem Aussterben entgegengehende einzige samaritanische Gemeinde in Nablus zählt jetzt etwa 150—170 Seelen, deren geistiger und physischer Zustand ein kümmerlicher zu nennen ist. Der Verfasser verbrachte das Passahfest unter ihnen und gibt von ihm eine sehr interessante Schilderung. Dieses Fest wird auf dem heiligen Berge Garizim gefeiert, wo Zelte für den Aufenthalt aufgeschlagen werden. Da die Samaritaner jetzt nicht mehr fürchten, von den Beduinen oder sonstigen Feinden überfallen zu werden, so errichten fast alle Familien Zelte, deren Zahl diesmal 38 betragen hat. Ungefähr eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang nahm der Hohepriester bei einem Säulenfragment aus den Tempelruinen knieend Platz und mit seinem Angesicht der Bergspitze, dem einstigen Orte des Tempels der Samaritaner, zugewandt, fing er zu beten an. Etwas entfernt hinter ihm reihten sich in gleicher Haltung die meisten Männer der Gemeinde, weiss angekleidet. Nach diesem Gebete standen alle auf und der Hohepriester sprach, der Gemeinde zugewandt, einen Segen. Darauf trat der Hohepriester auf den Säulenrest und begann ernsthaft, die Augen nach dem Mittelmeer gerichtet, vermutlich die Erzählung von Ex. 12 herzusagen. Als der Hohepriester mit dem Befehle, das Passah zu schlachten, geendigt, schlachteten zwei Schlächter die von jungen Männern zwischen ihren Knien bereit gehaltenen sieben Lämmer. Nach dem Schlachten der Lämmer benahmen sich alle recht freudig und grüssten sich gegenseitig nach orientalischer Sitte. Nachdem man die Lämmer ausgeweidet hatte, steckte man sie auf Spiesse aus Eichenholz, bestreute sie mit Salz und legte sie auf eine Bahre aus dicken Zweigen. Der Abfall wurde in einer Feuergrube verbrannt, während die Lämmer etwa um 11 Uhr nachts in eine heiss gemachte Ofengrube gebracht und von der Bahre und einem dicken Brei aus Erde mit Wasser vermengt zugedeckt wurden. Dann kehrten alle, ausser einigen an den Gruben Wache haltenden Leuten, in ihre Zelte zurück. Gegen 1 Uhr morgens wachte das Lager wieder auf, und überall waren Leute mit der Eeinigung der Hände, des Mundes oder der Füsse beschäftigt zu sehen. Weiss angekleidet, die Lenden umgürtet und einen Stock in der Hand haltend, versammelten sie sich allmählich um die Ofengrube. Das Herausholen der Lämmer aus der Grube wurde