Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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— 83 — Volksbewußtsein selbst hervorgegangen, aus der Herzkammer und nicht aus der Studierstube; sie greifen aus dem Leben ins Leben. Ihre Quelle und ihre Mündung ist das Gemüt und die Phantasie mit all ihren Bedürfnissen, Hoffnungen und Wünschen; das Nationale an ihnen ist wandelbare Form, ihr Wesen ist das Menschliche selbst, darum sind die echten Volksschriften unsterblich, ihr Verfasser oft unbekannt und gleichgültig*. Daher kommt es bei einer Betrachtung der Volksschriften zur Charakteristik der Nationen und Perioden nicht auf die Verfasser an, sondern auf die Leser, nicht auf die Originalität, sondern auf die Auffassung und Bearbeitung"1). Die Kreise nun, in welchen diesem Literaturzweige das lebhafteste Interesse entgegengebracht wurde, sind nicht unter den Eabbinen und Gelehrten zu suchen, sondern unter den Frauen und Mädchen, bei denen man ein durchdringendes Verständnis des Hebräischen schon deshalb nicht voraussetzte, weil sie zur Erlernung dieser Sprache gar nicht verpflichtet waren. Auch werden zahlreiche Anhänger von jener Literatur in den niederen, ungebildeten Klassen des Volkes gewesen sein, das, andauernden Verfolgungen und Greueln ausgesetzt, ein kümmerliches Dasein fristete, und deren Männer und junge Leute wohl nicht auf der Höhe jüdischer Wissenschaft standen2). Das sind die Kreise, denen die Volksliteratur in den Tagen der Not Erbauung, Belehrung und Unterhaltung brachte3), und die Gelehrten nahmen, *) Steinschneider, Arschiv f. IAteraturgesch. n, S. 3. 2) Ders., Hebr. Bibl. VIII, S. 15; Lotze, Archiv f. IAteraturgesch. I, S. 90; Brüll, Jahrbücher III, S. 88; G-rünbaum, Chrestomathie, S. 194f.; Karpeles. Gesch. d.jüd. Lit. II, S. 1000-1; Güdemann, Erziehungsivesen, S. 113f. 3) Daß diese Schriften fast ausschließlich für Frauen, Mädchen und solche Männer verfaßt wurden, welche des Hebräischen nur wenig kundig waren, geht schon aus den Titeln" und Vorreden der Bücher hervor. Einige Beispiele von Werken, die ich aus Autopsie kenne, seien hier angeführt. Ich gehe die Titel oder Vorreden mit hebräischen Quadratbuchstaben und außerdem in der von mir gewählten Transkription wieder: a) Kgl. Bibl. München, A. Hebr. 554: Ein Maasebuch hat folgenden Passus in der Vorrede: tröi 'tta tpwiü "ns ywn raa c^S -ö^K alat "na d-wia rwo jp^ta ^-j rfenpn rtoabta t^a nn fta? rta: ipwfi ""iS 'rm ywoz JIr solt 'eier zeit an sabbä# drinen fr treibn aun' de/2ärim beteliin (unnütze Worte) lasen bleibn; 3ich hb Vs salsele# hak-kabbälä (Titel eines Werkes von Ibn Jachja) fil tan 3u^s sreibn, sene neiah ma£äsim fr manen 3un' fr dia weibn. ß) Kgl. Bibl. München, A. Hebr. 332: Maasebuch. Der Titel beginnt