Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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— 81 — art zu verlieren, der deutschen Literatur und Dichtkunst einen Platz in ihrem Schrifttum1). Wir können also bestimmt behaupten, daß die ersten Spuren der jüdisch-deutschen Volkspoesie, welche dem Ende des XV. und dem Anfang des XVI. Jahrhunderts angehören, also einer Zeit, da das deutsche Schrifttum den Juden bereits durch den Druck vermittelt wurde, durchaus auf deutschen Ursprung zurückgehen2;. Wir können ferner beobachten, wie diese Volksliteratur im Laufe der Zeit, als die deutsche Dichtkunst in den Städten fast nur noch von den Meistersängern vertreten wurde, als sich neben dem volkstümlichen Kirchenliede die Klänge eines neuen geschichtlichen Volksliedes vernehmen ließen, durch das neue deutsche Schrifttum mehr oder minder günstig beeinflußt, mit geradezu bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit jenen fremden Ideen Eingang zu verschaffen, sie als Eigentum aufzunehmen wußte. „So liefert trotz aller Verwilderung die jüdisch-deutsche Literatur," wie Gustav Karpeles treffend hervorhebt, „den untrüglichsten Beweis, daß der Jude, wie auch der Haß ihn ververfolgt, doch das Land, in dem seine Ahnen seit Jahrhunderten lebten, als sein Vaterland ansieht und mit dessen Leben, Sprache, Dichtung und Sitte verschmilzt"3). Charakter, Entstehung und Verbreitung der jüdisch-deutschen Volksliteratur. Hierüber kann ich mich in diesen einleitenden Bemerkungen um so eher kurz fassen, als wir schon auf Grund des von Steinschneider so emsig gesammelten Materials4) eingehende und kürzere literaturgeschichtliche Behandlungen über die jüdisch-deutscheVolkspoesie besitzen, auf welche ich in den Anmerkungen verweise. Grünbaum erklärt: die Benennung jüdisch-deutsch trage diese Literatur deshalb, weil in ihr das jüdische und deutsche Element innig miteinander verbunden sind5), und charakterisiert sie folgendermaßen: „Die Form, die Sprache ist vorherrschend deutsch, der Inhalt ist jüdisch. Der darin waltende Geist ist jüdisch, namentlich 1) Güdemann, Erziehungsiveseti, S. 158 1; Ave - Lallemant, Das deutsche Gaunertum HE, S. 207. 2) Karpeles, Gesch. d. jüd. Lit II, S. 1002. 3) Ebenda. 4) Siehe erste Fortsetzung der Abhandlung. 5) Grünbaum, Die jüdisch-deutsche Literatur, S. 1.