Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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— 80 - keine andere Sprache gesprochen als die ihrer christlichen Landsleute, also die deutsche Sprache, und diese ebenso korrekt und rein wie die Nichtjuden, mit Ausnahme vereinzelter Eedeweisen Archaismen oder bisweilen etwas mundartlicher Färbung1). Eine besondere jüdisch-deutsche Sprache bildete sich wohl erst im Laufe des XVI. und XVII. Jahrhunderts aus, wenn inan mit Zunz2) einen ungefähren Zeitpunkt annehmen will; wahrscheinlich infolge der Kückwanderung deutscher Juden von Polen nach Deutschland, wo sie seit den Tagen des schwarzen Todes keinen dauernden, gastlichen Herd mehr fanden, während sie das Deutsche, die Sprache eines Landes, das so unväterlich an ihnen gehandelt, als ihre Muttersprache in fremden Landen beibehielten und weiterbildeten3). Und wie nun die Juden in der Zeit finsterster Unduldsamkeit und schroffster Gegensätze sich mit der Kultur ihrer Umgebung zu befreunden, sich die fremdeste Volkstümlichkeit anzueignen wußten, in Tracht und Sprache als Söhne ihres Vaterlandes erschienen und seine Sitte guthießen, so gewährten sie auch, indem sie alte Vorurteile allmählich abstreiften, ohne dabei die unvertilgbaren geistigen Grundzüge ihrer Eigen- 1) Zunz, Gottesdienstl. Vorträge, S. 438f., [2. Aufl. S. 452f.]; Berliner, Jahrbuch I, S. 163; Karpeles, Gesch. d. jüd. Lit. II, S. 1002. — Frankl, Der Jude in den deutschen Dchtg. des XV., XVI. u. XVII. Jahrh. erwähnt auf S. 46 folgendes: „Im Himmelfahrtsspiel aus der Sterzinger Sammlunglehrt der Archisynagogus einen Judenjüngling auf jüdisch beten und gibt dabei eine Parodie des Vaterunser und des Credo zum besten. Doch bei allen diesen Verspottungen spricht der Jude immer ein korrektes Deutsch, ein Beweis, daß es einen Judenjargon in dieser Zeit noch nicht gab". 2) Zunz a. a. 0.; Steinschneider, Kehr. Bibl. VIII, S. 13 f.; Ders., Jüdische Literatur (AUg. Encyklopädie herausg. yon Ersch u. Gruber XXVII), S. 454 \Jewish Literature, S. 178]; Güdemann, Zs. f. deutsche Spr. I, S. 105. Ave-L allem an t behandelt im dritten Teile seines Werkes ,Das deutsche Gaunertum1 etc. auch die jüdisch-deutsche Sprache und erörtert das Alter ebenda Seite 2041 Seine Darlegungen vornehmlich über Alter, Grammatik, Transkription enthalten eine Menge willkürlicher Hypothesen, daher dieses Werk nur mit der größten Vorsicht zu benutzen ist und nie ohne die Kritiken von Steinschneider, Hebr. Bibl. VII, S. 128f.; VIII, S. 13f., 1131; Serapeum 1864, S. 331; Wagner, Serrigs Archiv XXXITT, S. 213 f., Sainean, Essai, S. 16 [105] 1 3) Klausner, Sprache und Nationalität (Im deutschen Beich 1903, Nr. 1), S. 441; Berliner, Jahrbuch I, S. 170. — Hildebrand führt Germania XIV, S. 128 eine Quelle aus dem XV. Jahrhundert an: „Arnold von Harf warnt nämlich in seiner Beisebeschreibung nach Jerusalem seine Landsleute vor den dortigen Juden, weil sie alle deutsch könnten".