Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 43 — Bräuche und Spiele der Erwachsenen aus der Urzeit abbilden, und führt zur Unterstützung' seiner Behauptung' die Tatsache an, daß die Schweizerkinder sich noch heute damit belustigen, durch Drehen eines Holzstückes in einem zweiten Feuer zu entzünden. Diese Ansicht kann auch für die Spiele der Judenkinder gelten, denn auch diese werfen ein Licht auf längst vergangene Zustände, und einige stehen sogar in engem Zusammenhang mit Ereignissen aus der jüdischen Geschichte. Die Spielgeräte der jüdischen Kinder sind — wenn auch gering an Zahl — ebenfalls ein Abbild der Vergangenheit, alter Werkzeuge, Waffen und Geräte, die durch die Entwicklung der Technik längst aus dem Leben verdrängt sind.118) Das Temperament des jüdischen Volkes kommt in den Spielen der Kinder zum Ausdruck; die jüdischen Kinder spielen leidenschaftlich, aber es mangelt ihnen die Schneidigkeit und Ungebundenheit der Kinder glücklicherer Völker. Im Winter ist das Stahlfederspiel ein beliebtes Spiel der Chederkinder. Es besteht darin, daß ein Spieler den andern fragt, ob er „oben"' oder „unten", Lefl oder Schüssl, die konvexe oder konkave Seite wähle, und dann die Feder auf den Boden wirft. Fällt die Feder auf die gewählte Seite, so hat der Befragte gewonnen, wenn nicht, verloren. Dem Gewinner fällt die Feder zu, und das Spiel beginnt aufs neue. Zu einem zweiten komplizierteren Stahlfedernspiel bildet das vorbeschriebene den Eingang, indem der Gewinner das Eecht erhält, das zweite zu beginnen. Dieses beruht darauf, daß er mit dem breiten Ende der in der Hand gehaltenen Feder auf das gleiche Ende einer mit der erhabenen Seite nach oben auf dem Tisch liegenden Feder drückt, um diese auf die verkehrte Seite zu schnellen. Ist ihm dies bei der ersten Berührung gelungen, so sucht er auf dieselbe Weise die Feder wieder in die frühere Lage zu bringen. In diesen Spielen vertreten zuweilen auch Knöpfe die Stelle der Feder. Es gibt aber auch ein besonderes Knopfspiel. Jeder Spieler wirft seinen Knopf so an die Wand, daß er womöglich in einen mit Kreide oder Kohle auf den Fußboden gezeichneten Kreis zu liegen kommt. (Im Sommer wird das Spiel in einem Hof gespielt.) Wenn sich ein Knopf oder zwei außerhalb des Kreises befinden, schnellt derjenige, dessen Knopf im Kreise oder diesem zunächst liegt, diesen in die Mitte. Gelingt ihm dies auf den ersten Anstoß, so schnellt er auch den zweiten hinein. Ist ihm auch dies gelungen, so hat er gewonnen und bekommt beide Knöpfe, wenn nicht, dann kommt der andere an die Keihe. Wer zuletzt einen Knopf in den Kreis bringt, hat gewonnen. Dieses Spiel wird auch von Mädchen gespielt.119) Im Winter ist in den Chedern das Kartenspiel sehr verbreitet. Die jüngeren Knaben spielen JEinin^zvon^ilc, die älteren JEinindräsik Die Karten werden aus Pappendeckel oder häufiger aus einfachem Papier verfertigt. Die letzteren werden zusammen- 1*