Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 2 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 42 — Den Anschnitt des Brotes darf es nicht essen, sonst wird es dumm.116) Außerdem hört das Kind verschiedene Märchen und Erzählungen von Gespenstern und Dämonen und vom Jenseits, die seine Phantasie krankhaft erregen und sein Nervensystem erschüttern.117) Trotz all dieser ungünstigen Lebensbedingungen zählt doch die Kindheit auch bei den Juden zu den glücklichsten Perioden des Lebens. Die zahlreichen mutwilligen und scherzhaften Kinder- und Schülerlieder, die Spiele und Belustigungen der jüdischen Kinder beweisen am besten, daß das Leben nicht imstande war, in ihnen den natürlichen Drang nach Glück und Lebensgenuß zu ersticken, und daß trotz alledem das jüdische Kind die Fähigkeit besitzt, zu lachen und fröhlich zu sein. B. Belustigungen, Spiele und Spielgerät. Das Spiel der jüdischen Kinder beruht ebenso wie das der Kinder bei allen anderen Völkern auf der Nachahmung der Tätigkeit der Erwachsenen. Ebenso wie der Eskimoknabe eine Schneehütte baut, wie der kleine Indianer den Jäger spielt, so spielt das jüdische Kind die Bolle des Händlers, der Hökerin, und legt Kaufläden und Verkaufsstände an. Als Ware dienen ihm Steinchen, Sand und Fetzen, und Zank und Feilschen bringen das Abbild der Wirklichkeit näher. Am Sabbat nimmt das Spiel einen andern Charakter an, da spielt man „in Gest", stattet einander Besuche ab und macht sich gegenseitig zu Vertrauten der Sorgen und Beschwerden des Alltags. An" diesen Nachahmungsspielen nehmen die Knaben fast gar keinen Anteil, da sie von frühester Kindheit auf in das Glieder gebannt sind. Das Leben außer dem Elternhause hält sie yon den Schwestern und ihren Altersgenossinnen fern, und der Unterricht und das Bewußtsein ihres höheren Berufes geben diesem kleinen Mannsvolk das Gefühl der Mehrwertigkeit gegenüber dem schwachen Geschlecht. „Es if a Charpe (Schande), zi spielen [ich mit a Meidl" sagen die Knaben und nehmen selten an den Spielen der Mädchen teil. „Spielen steht überhaupt jüdischen Kindern und besonders Knaben nicht an", hört man aus dem Munde etwas älterer Knaben; aber obgleich diese durch Eltern und Lehrer eingeimpfte Anschauung dem jüdischen Kinde einen vorzeitigen Ernst aufprägt, so gewinnt doch der Naturtrieb die Oberhand und — das Kind spielt. Die Knaben spielen im Cheder in den unterrichtsfreien Pausen, und veranstalten an Sabbaten und Feiertagen je nach der Jahreszeit verschiedene Spiele. Die Mädchen, die auch ihre besonderen Spiele haben, spielen zu Hause oder auf der Straße. Tylor sagt, daß die Kinderspiele sich durch Jahrhunderte als Kulturüberlebsel erhalten, in denen sich die Beschäftigungen,