Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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— 37 — Bei der Bedeutungsentwicklung von Geseires 94 hat man auszugehen von der Bedeutung „Besehluss, Verhängnis" (Levy, Neuhebr. u. chald. Wörterbuch 1, 320). In der hebr. und jüdischdeutschen Literatur des Mittelalters und der Neuzeit ist G e s e r a h der technische Ausdruck für die Judenverfolgungen geworden. Hieraus ist die Bedeutung Aufregung, Lärm, Zank hervorgegangen. — Über die Etymologie von Schtuss, Torheit, Unsinn s. Levy a. a. 0. 4, 541. Kies, Geld 28, im Vokabular des Konstanz er Hans durch Silber, bei Pfister und Grolmann durch Silbergeld wiedergegeben, dürfte doch wohl eher eine Verkürzung von K i s o f f Eotw. Gramm. 45, in den Glossaren von St. Georgen und Pfullendorf, des Konst. Hans und Hermanns der hebr. Form näher Kesof, Kesuf, Silber, als das hebr. Kis, Beutel, sein. Bei dieser Verkürzung mag auch die Bedeutung des deutschen gleichlautenden Wortes, sowohl wegen des weissen Glanzes (vgl. Gips, B1 e c h 66) als wegen der runden Form (vgl. Linsen 54, 67, Knöpfe A.-L. 560 für Geld, Mühlstein für Taler 76, im Argot r o n d s für s o u s , Pott 2, 27) von Einfluss gewesen sein. Noch nicht aufgeklärt scheint dem Eef. trotz der allgemeinen Übereinstimmung der Gelehrten die Etymologie des Wortes Gauner, Jauner 4 f., das zuerst als j u n e n , j o n e n in der Bedeutung Karten-, Würfelspielen auftritt. Der Umstand, dass es ein ähnlich klingendes biblisch-hebräisches Wort j ä n ä h gibt, beweist noch nichts für die Herkunft des deutschen Wortes, denn in die deutsche Umgangssprache könnte das hebr. Wort doch nur durch Vermittlung des Judendeutsch gelangt sein und in diesem ist es weder in der älteren' Literatur noch in der späteren gesprochenen Sprache jemals gebräuchlich gewesen. Aus den auf andere fremde Sprachen zurückgehenden Wörtern ist auszuscheiden das gut deutsche G i e 1 Mund, s. Lexer Mhd. Handwörterbuch 1, 1011. Auch für das in fast allen deutschen Mundarten in der Bedeutung Dirne verbreitete Müsch, Mus che 36 (z. B. Weinhold, Schles. Wörterb. 63; Schmeller, Bayr. Wörterb. 1, 1681), das wahrscheinlich von der älteren Bedeutung cunnus ausgeht, braucht man keine fremde Herkunft anzunehmen. — In Treppine, Leiter, Treppe 39 (in den Glossaren Trapine, Kabine, Ha w ine, Harbine, die Form Treppone kommt nur einmal vor) ist nicht eine romanische Endung an einen deutschen Stamm angehängt, sondern das polnische clrabina, Leiter, dem deutschen „Treppe" angeähnlicht. Frosch, Daube am Eimer 71, ist kein Gaunerwort, sondern aus der Handwerkssprache der Böttcher, s. Adelungs Wörterbuch (im Grimmschen fehlt es). — Katzen köpf 72 ist ebenfalls Handwerksausdruck für eine Art Schloss oder einen Bestandteil eines solchen und wohl deshalb zur Benennung des Schlossers geworden. (Beger-) kröte Sarg 71 ist Volksetymologie für kratte Korb, allgäuisch kretta (DWZ 5, 2424), ahd. cratto, cretto, Schmeller 1, 1385. Der Ausdruck scheint übrigens zu denjenigen zu gehören, die nur im Karmayersehen Glossar vorkommen, einer bedenklichen Quelle, die der Verfasser bei der Auswahl von Beispielen besser vermieden hätte. Die Gewissenhaftigkeit des Sammlers Karmayer kann allerdings, wenn ein so gewiegter Kriminalist, wie der Herausgeber des Glossars, Prof. Gross, von ihr überzeugt ist, nicht gut angezweifelt werden; zieht man aber alle Eigentümlichkeiten in Betracht, die dieses Glossar von allen übrigen unterscheiden: den ausserordentlichen Umfang, der selbst nach Abrechnung der zahlreichen Wiederholungen, die sich durch die selbständige Anführung der verschiedenen Formen desselben Wortes, der Zusammensetzungen unter den einzelnen Präfixen (so finden sich z. B. über 300 Zusammensetzungen mit ein-, über 600 mit v e r - und mit gegar mehr als 1300!) und der Partizipien ergeben, auf mehr als das dreifache des grössten aller anderen Glossare zu schätzen ist, die grosse Anzahl von Wörtern, die in gar keinem andern Glossar vorkommen, darunter eigene Ausdrücke für Präpositionen, Konjunktionen