Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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— 36 — eigenmächtiger Zusatz Ave-Lallemants ist. In verkasseln steckt aber das jiid. gassern (vom hebr. gosar *), bestimmen, verordnen, verhängen Av.-L. 348), und verkasseln oder vergassern bedeutet verbieten. Ebenso stellt sich Farbe viel, oft, 63, das aus Christensens Glossar 43 stammt, als Druckfehler heraus. Das richtige Harbe Menge (hebr. harbe A.-L. 454) findet sich ebenda S. 48. A.-L. hat in seinem Abdruck 209 diesen Fehler stillschweigend verbessert. Was das in derselben Anmerkung erwähnte M o n d s ch e i n leer, ledig, nicht, betrifft, so wird es dem mit den Schicksalen gaunersprachlicher Wörter Vertrauten nicht als allzu kühne Vermutung erscheinen, wenn wir darin eine Übersetzung von jüd. Lewone (A.-L. 568), Lafune (Pfister 223) Mond erblicken. In der vorliegenden negativen Bedeutung hat aber das Wort nichts mit dem Mond zu tun, sondern ist eine willkürliche Verlängerung von neuhebr. law nein (Christensen .45, A.-L. 565), um die wahre Bedeutung zu verhüllen. — Eine Verlängerung zu demselben Zweck liegt in Service, Feuer 37 aus Serf, Feuer (Pfister 229, Konst. Hans 12, Kluge 1, 255) von hebr. soraph, brennen (A.-L.) vor. — Statt der sehr gekünstelten Erklärung von beitze handeln, einen Diebstahl mit Behutsamkeit ausführen, 16, nach A.-L. 523: so vorsichtig als ob man auf Eiern (beiz im) ginge, wäre wohl die Erklärung aus b 5 E i z e (von Ezoh, Eize, Rat, Uberlegung A.-L. 382, 538, mit der Präposition bs wie in bekoche aus b'koach mit Gewalt, Einbruch 560), also: mit Überlegung, Vorsicht handeln, zu erwägen. — Z e hk em en 69, jüd. zeken en ist schon bei A.-L. 443 richtig von hebr. z o a k, schreien abgeleitet. — Kehrum, Degen 36 hat Eef. schon im Schweizer. Archiv f. Volkskunde IV, H. 3, in den Bemerkungen zum Basler Glossar von 1735 auf hebr. cherew. Schwert (A.-L. 372) zurückgeführt. Zu den dort für die Endung -um gegebenen Belegen sei noch zusammenfassend bemerkt, dass diese in dem erwähnten Glossar besonders häufige Endung für verschiedene hebr. Endungen eintritt, so für -om in Mokum, -Im in Malbossum, Meium, Ponum, Porum,- Sossum, für -on in Kotum und für -in in Jeium, Glaseium, Sakum. — Hebräischen Ursprungs (von nekewa Weib, pl. nekewos A.-L. 413, 578) ist ferner Kef es, Keife, Keibe 50, mit weggefallenem, weil als der unbestimmte Artikel! n e aufgefasstem Anfangskonsonanten. Das ei für e in diesem Worte, wie in vielen anderen hebr. Ursprungs: Eize, Geseires, Pleite, Gneife, Cheilek usw. ist für den Vokalismus des Jüdischdeutschen in Osteuropa charakteristisch und dort auch für deutsches e lautgesetzlich, demnach auch in Medinegeier u. dgl. 73 nicht niederdeutsch, sondern jüdisch. — Nicht direkt aus dem Lateinischen, sondern durch Vermittlung des talmudischen oschpisa (Strack, Lehrb. der neuhebr. Sprache 14; Selig, Lehrb. d. jüdischdeutschen Spr. 135) entlehnt sind S p i e s s , Wirt, S p i e s s e , Wirtshaus 34. Der Name Schlemiel 86 ist nach Low, Die Lebensalter in der jüd. Literatur, Szegedin 1875 S. 53 zur Bedeutung „Pechvogel" durch das im 14. Jahrhundert einem Manne dieses Namens aus Enns in Oberösterreich widerfahrene Missgeschick gekommen, der nach elfmonatlicher Abwesenheit vom häuslichen Herde von seiner Ehefrau mit einem Kinde beschenkt und von dem rabbinischen Gerichte, das sich auf eine talmudische Autorität stützte, nach welcher die Schwangerschaftsdauer sich bis auf 12 Monate erstrecken könne, verhalten wurde, das Kind als das seinige anzuerkennen. *) Das Hebräische ist im Folgenden nicht nach der „guten", „akademischen" oder sephardischen Aussprache der spanisch-portugiesischen Juden, sondern nach der „schlechten" der mittel- und osteuropäischen Juden geschrieben. Die erstere hier anzuwenden, wo es sich um "Wöiter handelt, die in der Umgangssprache der deutschen und slavischen Juden von dieser „schlechten" Aussprache ausgehend, noch weitere Veränderungen erlitten haben, wäre eine überflüssige und störende Pedanterie.