Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2638044-2638087-2638088--0551-2640531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 25 — Der Traum in der jüdischen Literatur. In die Zukunft zu blicken war stets sehnlichster Wunsch des Menschen. Heute befreunden wir uns mit dem Gedanken, die Zukunft nicht erforschen zu können und fügen uns ins Unabänderliche. Altertum und Mittelalter aber glaubte der Gottheit und den himmlischen Mächten näher zu stehen, und da sie angeblich den Schleier der Zukunft zu lüften vermögen, suchte man ihnen das gewünschte Geheimnis zu entlocken. Es galt und gilt vielfach noch heute der Glaube, daß Gott das Geschick in gewissen Zeichen andeute, welche beobachtet und erklärt werden müssen. Je unwissender nun der Mensch war, desto mehr bedeutsame Zeichen sah er in auffallenden Naturerscheinungen und Gemütsbewegungen. Heidentum und Christentum konnten sich auf diesem Gebiete frei bewegen. Nicht so das Judentum. Die heilige Schrift verbot jedwede Zeichendeutung, die unter den heidnischen Völkern üblich war. Obwohl dies Verbot sich nicht allgemeine praktische Geltung verschaffen konnte, blieb doch der auch in der Bibel mehrfach als harmlos betrachteten Traumdeutung ein weiter Spielraum. In der Bibel wird die Traumdeutung als selbstverständlich betrachtet; sie gehört zum Urbesitz der Menschheit und beginnt mit dem ersten Traume. Wenn ein schwerer Traum noch heute wie ein Alp druck auf uns lastet, so muß doch hervorgehoben werden, daß einzelne der größten jüdischen Lehrer dem Traume Wichtigkeit und Bedeutung abgesprochen haben. Es kann nicht meine Aufgabe sein, die modernen psychologischen und physiologischen Untersuchungen über den Traum mit einem negativen Eesultate zu bereichern; es sollen bloß die meisten auf den Traum bezughabenden Stellen aus der jüdischen Literatur zusammengetragen werden, um ein kulturhistorisch interessantes Bild in einen engen Kähmen zu fassen. Traum chalöm aram. chelmä; manchmal bacal hachalömöth1). Einmal finden wir in derselben Bedeutung iscü hachalöm2). Die Parallelstelle hat bacal hachalöm3), nach Kaschi ein Engel oder Geist (sar), der die Träume in der Nacht vermittelt. Der Engel des Traumes spricht mit dem Träumer. So lehrt E. Chanan4): Wenn der bacal hachalömüth dir sagt, du wirst morgen sterben, so entziehe dich nicht dem Gebete. Er verkehrt in derselben Angelegenheit auch öfters mit seinem Medium. Ein Mann hatte eine Gattin namens Channah, die alle schönen Eigenschaften, selbst einen schön klingenden Namen, nur kein schönes Gesicht besaß. Der Mann kränkte sich darüber, da kam zu ihm der bacal hachalöm und versprach dem Übel abzuhelfen, was auch geschah. Die Frau nun, ihrer Schönheit bewußt, wurde stolz und übermütig!) Nach Gen, 3719: der Träumer wird im Sinne: der Traumspender gebraucht. 2) T. Maas. sch. V. 9. 3) Sanhedr. 30 a. *) Berach. 10 b.