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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
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— 12 — Im Alter von einem Jahre soll das Kind schon etwas sprechen; kann es dies noch nicht, hat es eine schwere Sprache, so untersucht man, ob nicht die Zunge angewachsen ist, in welchem Falle man durch den Bader das Zungenbändchen durchschneiden läßt64). Schon früher ist man bestrebt, alles zu vermeiden, was das Sprechen erschweren könnte, deshalb setzt man Kinder unter einem Jahre nicht auf den Tisch, kämmt sie nicht, besonders wenn die Scheitelknochen noch weich sind65), und schneidet ihnen vor dem dritten Jahre nicht das Haar. Geschieht das letztere doch, so läuft das Kind Gefahr, stumm zu werden66). Das Lallen des Kindes erfüllt die Eltern mit Freude, und aus seinen ersten Lauten zieht man verschiedene Schlüsse. Spricht es früher tati, so wird das nächste Kind ein Knabe sein, spricht es früher mami, ein Mädchen67). Das Kind ist in höherem Maße als Erwachsene der Gefahr des Beschreiens ausgesetzt, die Volksmedizin ist daher reich an Mitteln gegen die Wirkungen des bösen Blicks. So muß man, wenn man ein Kind zum erstenmal sieht, sagen: kein äjin hori, und dabei dreimal ausspucken68). Man bindet um das Handgelenk einen Faden oder ein Band von roter Farbe (bei Vermögenden legt man ein Korallenarmband um) und faßt die Hemdärmel mit rotem Besatz ein69). Um den Hals hängt man ein Besenreis, eine aus Knochen geschnitzte, die Feige zeigende Hand oder ein Säckchen, worin sich befinden: ein Hahnenkamm (bei Mädchen der Schopf einer Henne), einige Stecknadeln, Quecksilber, ein Stückchen Bernstein, etwas Pfeffer und Salz, manchmal auch Haar von einem Hundeschwanz70). Endlich zieht man dem Kinde das Hemdchen verkehrt an71). Ist das Kind trotz aller Vorbeugungsmittel doch beschrieen worden, so muß das Übel so bald als möglich besprochen werden. Zu diesem Behufe wird eins der folgenden Mittel angewendet and wenn dies fehlschlägt, auch die anderen: a) Man wirft in ein Glas Wasser drei Brocken Salz, und mit den Worten: es fol Jcein äjin-hori nischt fein, dann zählend: nischt eins, nischt zwei, nischt drei, drei glühende Kohlen (am Sabbat statt dieser drei Semmelstückchen), worauf man mit dem Wasser Mund und Schläfen des Kindes benetzt. Dies wird dreimal wiederholt und jedesmal das Wasser über die Schwelle oder an einem abgelegenen Orte ausgeschüttet. Sinken die Kohlen unter, so ist dies ein Zeichen, daß das Unwohlsein des Kindes durch Beschreien veranlaßt wurde, welches jedoch im Augenblick der Entdeckung unwirksam gemacht worden ist72). b) Man beräuchert das Kind mit Staub, den man auf drei Schwellen gesammelt hat, und auf glühende Kohlen schüttet. c) Man beräuchert es mit der getrockneten Nabelschnur (welche die Mutter immer für den Notfall aufhebt) oder gibt ihm diese pulverisiert in Wasser zu trinken73). d) Man beräuchert es mit Stoffstücken von Kleidern der Personen, die man im Verdacht hat, es dem Kinde angetan zu haben.

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