Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 2 — Es gilt als Glück, wenn die Empfängnis schon in der Brautnacht erfolgt, und das Kind wächst dann zu einem tugendhaften Menschen heran. Groß ist der Kummer, wenn sich der Kindersegen nicht rechtzeitig einstellt und die Frau wendet verschiedene Mittel gegen dieses Unglück an, so genießt sie z. B. die Reste der ersten Mahlzeit, die einem neuvermählten Paare vorgesetzt worden ist. Vom Beginne der Schwangerschaft an lebt die Frau in der Besorgnis, die Leibesfrucht könnte kcije werden (verderben) und trägt, um dem vorzubeugen, am Hals einen Sternschis (so nennt man kleine bläuliche Steinchen, die auf Feldern gefunden werden)2), auch wendet sie sich an einen Wunderrabbi um ein schützendes Amulet. Gegen Fehlgeburten schützt sich die Schwangere durch verschiedene Vorsichtsmaßregeln: so hütet sie sich über abgeschnittene Nägel zu schreiten, nimmt im neunten Monate kein Bad3), und läßt sich keine Zähne ziehen4). Diese Ehrfurcht vor dem Kinde — wenn man so sagen darf — hat die Phantasie des Volkes beeinflußt, welche die erste Kindheit mit dem Nimbus des Wunders und der Verehrung umgeben hat. Nach dem Volksglauben weilt die Seele des Kindes, bevor es zur Welt kommt, im Kreise der Engel, wo der Prophet Elias sie in der Thora unterrichtet und in die Rätsel des Daseins einweiht. Die reine strahlende Seele fleht zu Gott, er möge sie nicht zwingen, sich mit dem sündigen Körper zu verbinden und in das irdische Jammertal niederzusteigen. Doch der göttliche Befehl bleibt unwiderruflich, und die Seele muß sich mit dem Leibe vereinigen. In diesem xiugenblick versetzt ein Engel dem Kinde einen Nasenstüber, wodurch es das vor der Geburt erlernte vergißt. Daher rührt die Vertiefung der Oberlippe. Als Säugling ist das Kind noch im Verkehr mit überirdischen Wesen und hat die Gabe sie zu sehen und zu spüren. Weint das Kind im Schlafe, so sagt das Volk, der Engel, der es in der Thora unterweist, tadle es, lacht es, so sagt man, der Engel lobe das Kind und spiele damit5). Blickt es aufmerksam nach einem Punkte hin, so bedeutet dies, daß es einen Engel erblickt habe. Viele Legenden und Erzählungen haben den Embryo und die Säuglinge männlichen Geschlechtes zum Gegenstand und alle sind stark wunderhaft gefärbt. # Eine Midraschlegende z. B. erzählt, daß nach dem Auszuge aus Ägypten die Säuglinge die Mutterbrust fahren ließen und einen Lobgesang anstimmten. Das begehrteste Kind, namentlich als Erstling, ist ein Knabe, weil das Gebet des Sohnes nach dem Tode der Eltern ihren Aufenthalt in der Hölle verkürzt. Aber je größer der Fluch ist, lauter Mädchen in die Welt zu setzen, um so gesegneter ist der Leib, der Kinder verschiedenen Geschlechtes geboren hat6). Die Sorge um das Kind und die Angst um sein Leben ist unausgesetzt, sie beginnt schon vor der Empfängnis und geleitet es durch die ganze Dauer der Kindheit. In dieser Angst und