Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 11 (1908)
- Issue
- 1 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 3 — Sorge kommen Spuren uralter Begriffe und Meinungen, Eeste der ursprünglichen Weltanschauung der Juden, zum Ausdruck. Die Gesamtheit der hebräischen Philosophie hat eine Erschütterung erlitten, der Monotheismus, die offizielle Religion hat in bedeutendem Maße den ursprünglichen Glauben verwischt, aber die aus dieser Philosophie entprungenen Gebräuche, Formeln und Zeremonien haben ihre Kraft fast unerschüttert bewahrt. So ist die Verehrung der Gestirne und des Mondes erloschen, der Glaube an eine übernatürliche Macht der Tiere geschwunden. Im täglichen Leben der Juden finden wir aber zahlreiche Beweise, die für das Bestehen dieses Kultus und Glaubens in grauer Vorzeit sprechen. Die Liebe zum Kinde und die stete Besorgnis um sein Leben bewirken, daß gerade die Beschäftigung damit, bei dem im jüdischen Volke herrschenden Mangel positiven Wissens, von einem ganzen Gebäude des Aberglaubens umgeben ist. Die veränderten Lebensbedingungen und die auch schon zu den jüdischen Volksmassen durchdringende Aufklärung wirken in dieser Hinsicht nivellierend, wir sind Augenzeugen, wie jeder Tag in hen alten Volksglauben Bresche legt und seinen Untergang derbeiführt. In meiner Arbeit habe ich mich bemüht, ein möglichst genaues Bild des jüdischen Kindes bis zum 13. Jahre zu geben, d. i. bis zu dem Zeitpunkte, wo es nach jüdischem Rechte Kind zu sein aufhört. Örtliche Verschiedenheiten habe ich als sehr unbedeutend nicht berücksichtigt. A. Volksglaube. Wie schon erwähnt, beginnt die Sorge um das Kind schon vor der Empfängnis, und die Neuvermählte verwahrt das Ehegemach vor dem Eindringen des Mondscheins, weil sonst das Kind blaß und kränklich werden könnte. Fühlt die Mutter sich guter Hoffnung, so achtet sie darauf, daß das Kind ohne Gebrechen an Leib und Geist zur Welt komme. a) Deshalb streckt sie, wenn sie vor einer Maus erschrickt, beide Hände von sich, sonst bekäme das Kind, wenn sie ihren Leib berührte, an derselben Stelle ein Muttermal in Gestalt einer Maus7). b) Ebenso hält sie die Hände von sich ab, wenn sie vor einem Brande erschrickt, sonst bekäme das Kind ein Feuermal am Körper8). c) Dasselbe tut sie, wenn sie sich über eine Himbeere, die sie zum erstenmale erblickt, verwundert, sonst wird das Kind mit einem Oewiks (Auswuchs) in Gestalt einer Himbeere geboren. Dieser Auswuchs „blüht", rötet sich zur Zeit der Himbeerblüte. 1*