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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1908-01-01 · 1 (1908) · p. Seite 1

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
11 (1908)
Issue
1 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 1 (sequence 3)
Language
German
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der Gesellschaft für jüdische Volhshunde in Hamburg und der Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. Heft XXV. Jahrg. 1908, Heft 1. Das Kind bei den Juden, Von Begina Liliental, Warschau. Aus den „Materyaly antropologiczno-archeologiezne i etnograficzne" der Akademie der Wissensehaften in Krakau, VII. Bd. 1904, übersetzt. Der Wunsch nach Nachkommenschaft ist ein aUgemein menschliches Gefühl, das schon dem Menschen der niedrigsten Kulturstufen eigen ist, aber bei keinem Volke hat das elterliche Gefühl eine solche Stärke erreicht, wie bei den Juden. Das Streben des Juden ist, eine möglichst zahlreiche Nachkommenschaft zu erlangen, und jedes neugeborene Kind — und wäre es auch das zehnte — ist eine neue Freude und ein neuer Segen. Schon die Trauung findet unter freiem Himmel statt, damit das Volk Israels zahlreich werde wie die Sterne am Himmel. Die Ursachen dieser Erscheinung muß man in der beispiellos traurigen Vergangenheit dieses Volkes suchen: gequält, mißhandelt und verfolgt häufte der Jude alle seine Gefühle und Hoifnungen auf das Kind, indem er in einer zahlreichen Nachkommenschaft die Abwehr und die Kettung vor dem Untergang erblickte. Dieses anhaltende heiße Begehren nach einem Kinde fand seinen Ausdruck im Volksglauben, daß Kinderreichtum ein Verdienst sei, und das eine Frau, die dreimal Zwillinge geboren oder zehn Söhne zur Welt gebracht habe, von den Grabesqualen befreit sei1). Das Kind ist bei den Juden der Zweck der Ehe und die unerläßliche Bedingung ihres Bestandes, und eine Ehe, die zehn Jahre kinderlos geblieben ist, muß aufgelöst werden. Unfruchtbarkeit wird demgemäß als göttliche Strafe angesehen, und das Volk behauptet, daß eine Frau, die keine Kinder zur Welt gebracht habe, wiedergeboren werden müsse, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Mitteilungen zur jüd. Volkskunde. Heft XXV. Jahrg. 1908. Heft. 1. 1

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